Thomas Mann und die Exil-Salonkunst
in english below:
Thomas Mann und die kleine Exil-Salonkunst
Im Sommer 1933, kurz nach der Flucht vieler deutscher Intellektueller vor dem NS-Regime, veränderte sich das Leben in dem einst verschlafenen Fischerdorf Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur. Unter den neu Angekommenen waren Thomas Mann und seine Familie; bald bildete sich um die Villen der Emigranten ein enges, kultiviertes Netzwerk aus Schriftstellern, Kritikern und Künstlern. In diesem Milieu etablierten sich die berüchtigten Lese- und Gesprächsabende — zwanglose, zugleich hochintellektuelle Zusammenkünfte, die Thomas Mann, sein Bruder Heinrich, René Schickele, Lion Feuchtwanger, Julius Meier-Graefe und andere regelmäßig besuchten oder selbst als Vortragende gestalteten. Diese Abende waren weder akademische Tagungen noch rein private Plauderstunden: sie verbanden Vorlesung, gegenseitige Kritik und politischen Austausch in einer Zeit, in der beides — Kunst und Öffentlichkeit — unter Druck geraten war. Office de Tourisme Sanary sur Mer+1

Räumliche und soziale Bühne
Die Lesungen fanden häufig in den Gärten und Salons der großen Villen statt — etwa in der von Thomas Mann bewohnten „Villa La Tranquille“ oder im Haus der Feuchtwangers und bei René Schickele. Hier herrschte eine intime, fast familiäre Atmosphäre: ein Kreis ausgewählter Gäste, Tee oder Abendessen, ein Tisch oder ein Sessel als „Pult“ für den Vortragenden. Die physische Nähe der Häuser in Sanary sowie die starke Vernetzung der Emigranten machten die Stadt zu einem Ort, an dem private Salonpraxis und politisches Exil sich überlagerten. literaturportal-bayern.de+1
Inhalte und Gesprächsgegenstände
Die Themen der Abende waren vielfältig, aber zwei Linien ziehen sich wie ein roter Faden durch die Berichte und Erinnerungen: erstens die literarische Arbeit (Vorlesen aus Romanen, Erzählungen oder Essays, Diskussion von Werken in Arbeit), zweitens die Politik des Exils (die Lage in Deutschland, die Frage nach Widerstand, Verantwortung und kultureller Identität). Thomas Mann selbst las gelegentlich aus eigenen Texten oder Entwürfen— der Akt des Vorlesens war für ihn ein Ritual, das Normalität stiftete und gleichzeitig das Publikum unmittelbar an der Entstehung literarischer Form teilhaben ließ. Andere Vortragende — etwa René Schickele oder Lion Feuchtwanger — brachten Texte, feuilletonistische Reflexionen oder polemische Stellungnahmen zur gegenwärtigen politischen Lage ein. Kritik und Retrofit (formale Hinweise, stilistische Debatten) mischten sich mit ernsten Debatten über Exilpolitik, Publikationsmöglichkeiten und die moralische Verpflichtung der Schriftsteller gegenüber den Vertriebenen und den zurückgebliebenen Lesern. De Gruyter Brill+1
Welche Rollen spielten die genannten Personen konkret?
René Schickele galt als Brückenfigur zwischen der deutsch-französischen Kulturwelt und las sowohl literarische Texte als auch kulturkritische Essays. Julius Meier-Graefe, Kunstkritiker und weithin respektierter Intellektueller, trug kunsttheoretische Betrachtungen vor und kommentierte die kulturelle Lage Europas. Lion Feuchtwanger, ein aktiver politischer Intellektueller, nutzte die Runden oft, um über Publikationsstrategien, Leihnetzwerke und die Notwendigkeit kollektiven Handelns zu sprechen. Heinrich Mann, stets politisch engagiert, brachte historische und öffentliche Perspektiven ein — die Brüder Thomas und Heinrich ergänzten einander hier oft: der eine literarisch, der andere programmatisch-politisch. Diese differenzierten Beiträge ließen die Abende zu einem Ort werden, an dem sowohl Formfragen (Ästhetik, Stil) als auch Existenzfragen (Flucht, Publikation, Exilerfahrung) verhandelt wurden. literaturportal-bayern.de+1
Gibt es Aufzeichnungen der Gespräche?
Zu den Lesungen selbst existieren keine bekannten systematischen Ton- oder Filmaufzeichnungen der privaten Salonabende in Sanary; es handelt sich zumeist um mündliche, geschlossene Runden, deren Protokolle allenfalls bruchstückhaft in Briefen, Tagebuchnotizen oder späteren Erinnerungen auftauchen. Die wichtigste Quelle für die Rekonstruktion dieser Abende sind deshalb persönliche Briefe, Tagebücher, Memoiren und Korrespondenzen der Beteiligten sowie Nachlässe in Archiven (z. B. das Thomas-Mann-Archiv in Zürich, Feuchtwanger-Sammlungen, verschiedene Universitätsarchive), die Manuskripte, Skizzen und gelegentlich schriftliche Notizen zu Vorträgen enthalten. Wer die Diskussionen „nachhört“, tut dies durch sorgfältiges Studium dieser Dokumente — die Lesarten bleiben dabei notwendigerweise selektiv und rekonstruierend. Thomas-Mann-Archiv+1
Tonaufnahmen Thomas Manns existieren zwar (etwa frühe Aufnahmen und später die BBC-Ansprachen „Deutsche Hörer!“), doch diese dokumentieren öffentliche Reden und Rundfunksendungen — nicht die privaten Leseabende in Sanary. Für die Abende selbst muss man sich auf schriftliche Quellen stützen. Wikipedia+1
Quellenlage und Forschungsmöglichkeiten
Wer heute mehr über die Leseabende wissen will, findet wertvolle Hinweise in lokalen Sammlungen (Gemeindearchiv Sanary, touristische Dokumentationen zur „Stadt des Exils“), in den großen Nachlass-Archiven (Thomas-Mann-Archiv ETH Zürich, Feuchtwanger-Papers, Nachlässe bei Universitäten) und in wissenschaftlichen Arbeiten zur Exilliteratur und zur deutsch-französischen Emigrationsgemeinschaft der 1930er Jahre. Sekundärliteratur, Konferenzbeiträge und Monographien rekonstruieren die soziale Praxis dieser Salons und ordnen die Gespräche in die größere Geschichte des Exils ein. Office de Tourisme Sanary sur Mer+2nomadit.co.uk+2
Normalität als Widerstandsform
Die Leseabende in Sanary erscheinen, bei aller Intellektualität, auch als ein Akt des Alltags: das wiederholte Vorlesen, die Diskussion über Form, die Pflege ästhetischer Rituale – all das war mehr als Kulturpflege; es war ein Widerstand gegen die Zerstörung einer kulturellen Ordnung. In den kleinen Salons von Sanary verwoben sich Literatur und politisches Bewusstsein, und die Abende selbst wurden zu Zeugnissen jener fragile Normalität, die Exilanten suchten und zugleich verteidigten. Office de Tourisme Sanary sur Mer+1
Wichtige Archiv- und Nachlassquellen
| Archiv / Sammlung | Relevante Bestände / Materialien | Hinweise zur Einsicht |
|---|---|---|
| Thomas-Mann-Archiv, ETH Zürich | Umfasst Manuskripte, Typoskripte, Korrespondenzen (ca. 16 000 Briefe, plus Briefe von und an Katia, Töchter etc.) thomas-mann-gesellschaft.de+2Thomas-Mann-Archiv+2 | Die Metadaten und Beschreibungen vieler Briefe sind online verfügbar; digitale Handschriften werden zunehmend zugänglich gemacht (teilweise nur im Lesesaal) Thomas-Mann-Archiv+1 |
| Feuchtwanger-Nachlass / Feuchtwanger Memorial Library | Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Gästelisten, mögliche Notizen zu Salonrunden | Die Feuchtwanger Archives sind Teil des Netzwerks literarischer Forschungseinrichtungen (z. B. in den USA) thomasmanninternational.com+1 |
| Deutsches Literaturarchiv Marbach | Allgemeine Quellen zur Exilliteratur, Korrespondenzen von Emigranten, Sammlungen zu Meier-Graefe etc. | Als großes Literaturarchiv führt Marbach vielfältige Brief- und Manuskriptbestände, auch zu Exilautoren thomasmanninternational.com+1 |
| Heinrich-Mann-Archiv / Akademie der Künste, Berlin | Briefe, Manuskripte, Materialien von Heinrich Mann | Teil des Thomas-Mann-International / Netzwerks der Mann-Archive thomasmanninternational.com+1 |
| Thomas Mann Collection, Yale University | Manuskripte, Briefe und Dokumente (in Ergänzung zu den Beständen in Zürich) archives.yale.edu | Für Forschende mit Zugang zu US-Archiven relevant |
Exemplarische Fundstücke & Exzerpte
Nachfolgend einige konkrete Nachweise, die (teilweise) Ausblicke auf die Sanary-Leseabende und ihr Umfeld ermöglichen:
- Rene Schickele, Tagebuch 8. Mai 1933
Schickele notiert eine Begegnung mit Thomas Mann: „Er sieht schlecht aus … sehr bedrückt … Für Heinrich Mann bedeutet die Verbannung … keine große Veränderung … Thomas … ist … aus allen Himmeln gefallen.“
Damit gibt Schickele einen Stimmungsbeitrag zur frühen Exilphase ab. literaturportal-bayern.de - Thomas Mann — Brief an Hermann Hesse, 31. Juli 1933
In diesem Brief äußert Thomas Mann seine inneren Konflikte mit der Exilsituation: „Ich habe meinen Kampf durchgekämpft. Es kommen freilich immer noch Augenblicke, in denen ich mich frage: warum eigentlich? … Es ginge nicht, ich würde verkommen …“
Der Brief belegt, wie literarisches Schaffen in Sanary mit existenzieller Unsicherheit gekoppelt war. literaturportal-bayern.de - Monika Mann, Erinnerungen
Monika Mann schildert, wie ihr Vater in der Villa La Tranquille Leseabende fortsetzte, die bereits in Bandol begonnen worden waren, und dass neben ihm auch Schickele, Feuchtwanger und Heinrich Mann Texte vortrugen. literaturportal-bayern.de+2literaturportal-bayern.de+2 - Sanary: “Villa Valmer” — Feuchtwanger’s Salon
Nachdem Thomas Mann Sanary verlassen hatte, wurde die Villa Valmer zum Treffpunkt literarischer Kreise, mit Lesungen und Gedankenaustausch. Marta Feuchtwanger organisierte Teegesellschaften, zu denen bis zu sechzig Gäste eingeladen wurden. Office de Tourisme Sanary sur Mer+1 - Sekundärliteratur / Exilstudien
In der Studie Sanary – Deutsche Literatur im Exil ist ein Brief von Schickele an Thomas Mann vom 17. April 1933 erwähnt, der im Kontext der Exilvermittlung steht. SpringerLink
In Exile in Paradise: A Literary History of Sanary-sur-Mer werden die intellektuellen Netzwerke, die institutionelle Infrastruktur der Exilkolonie und die literarische Praxis in Sanary aus kulturhistorischer Sicht analysiert. nomadit.co.uk+2nomadit.co.uk+2 - Literaturportal Bayern
Dort heißt es: „In der Villa La Tranquille setzt Thomas Mann seine bereits in Bandol begonnen Leseabende fort. … Hier tragen Autoren wie Rene Schickele, Lion Feuchtwanger, sein Bruder Heinrich aber auch er selbst Texte vor.“ literaturportal-bayern.de


in english:
Reading evenings in Sanary — the art of the salon in exile
Thomas Mann and the small art of exile salons
In the summer of 1933, shortly after many German intellectuals fled the Nazi regime, life changed in the once sleepy fishing village of Sanary-sur-Mer on the Côte d’Azur. Among the new arrivals were Thomas Mann and his family; soon a close-knit, cultured network of writers, critics, and artists formed around the villas of the emigrants. This milieu gave rise to the infamous reading and discussion evenings—casual yet highly intellectual gatherings that Thomas Mann, his brother Heinrich, René Schickele, Lion Feuchtwanger, Julius Meier-Graefe, and others regularly attended or even organized themselves as speakers. These evenings were neither academic conferences nor purely private chats: they combined lectures, mutual criticism, and political exchange at a time when both art and public life were under pressure. Office de Tourisme Sanary sur Mer+1
Spatial and social stage
The readings often took place in the gardens and salons of large villas—such as Thomas Mann’s “Villa La Tranquille,” the Feuchtwangers’ house, and René Schickele’s home. These venues fostered an intimate, almost familial atmosphere: a circle of select guests, tea or dinner, a table or armchair serving as a “lectern” for the speaker. The physical proximity of the houses in Sanary and the strong network of emigrants made the town a place where private salon practice and political exile overlapped. literaturportal-bayern.de+1
Contents and topics of conversation
The topics of the evenings were varied, but two themes run like a thread through the reports and memories: first, literary work (readings from novels, stories, or essays, discussion of works in progress); second, the politics of exile (the situation in Germany, the question of resistance, responsibility, and cultural identity). Thomas Mann himself occasionally read from his own texts or drafts—for him, the act of reading aloud was a ritual that created normality and at the same time allowed the audience to participate directly in the creation of literary form. Other speakers—such as René Schickele and Lion Feuchtwanger—contributed texts, feuilletonistic reflections, or polemical statements on the current political situation. Criticism and retrofitting (formal references, stylistic debates) mingled with serious debates about exile politics, publication opportunities, and the moral obligation of writers toward displaced persons and readers who had been left behind. De Gruyter Brill+1
What specific roles did the individuals mentioned play?
René Schickele was regarded as a bridge between German and French cultural circles and read both literary texts and cultural criticism essays. Julius Meier-Graefe, art critic and widely respected intellectual, presented art theory observations and commented on the cultural situation in Europe. Lion Feuchtwanger, an active political intellectual, often used the gatherings to discuss publication strategies, lending networks, and the need for collective action. Heinrich Mann, always politically engaged, contributed historical and public perspectives—the brothers Thomas and Heinrich often complemented each other here: one literarily, the other programmatically and politically. These nuanced contributions made the evenings a place where both formal questions (aesthetics, style) and existential questions (flight, publication, exile experience) were negotiated. literaturportal-bayern.de+1
Are there any recordings of the conversations?
There are no known systematic audio or film recordings of the private salon evenings in Sanary; these were mostly closed, oral gatherings, with only fragmentary accounts appearing in letters, diary entries, or later memoirs. The most important sources for reconstructing these evenings are therefore personal letters, diaries, memoirs, and correspondence of those involved, as well as estates in archives (e.g., the Thomas Mann Archive in Zurich, Feuchtwanger collections, various university archives), which contain manuscripts, sketches, and occasionally written notes on lectures. Anyone who “listens in” on the discussions does so by carefully studying these documents—the interpretations necessarily remain selective and reconstructive. Thomas Mann Archive+1
Although audio recordings of Thomas Mann exist (such as early recordings and later the BBC addresses “Deutsche Hörer!”), these document public speeches and radio broadcasts—not the private reading evenings in Sanary. For the evenings themselves, one must rely on written sources. Wikipedia+1
Sources and research opportunities
Anyone who wants to know more about the reading evenings today will find valuable information in local collections (Sanary municipal archives, tourist documentation on the “city of exile”), in the major estate archives (Thomas Mann Archive at ETH Zurich, Feuchtwanger Papers, bequests at universities) and in academic works on exile literature and the German-French emigrant community of the 1930s. Secondary literature, conference papers, and monographs reconstruct the social practice of these salons and place the conversations in the larger history of exile. Office de Tourisme Sanary sur Mer+2nomadit.co.uk+2
Normality as a form of resistance
Despite their intellectual nature, the reading evenings in Sanary also appear to be an act of everyday life: the repeated reading aloud, the discussion of form, the cultivation of aesthetic rituals – all this was more than just cultural preservation; it was resistance against the destruction of a cultural order. In the small salons of Sanary, literature and political awareness intertwined, and the evenings themselves became testimonies to the fragile normality that exiles sought and defended at the same time. Office de Tourisme Sanary sur Mer+1
Exemplary findings & excerpts
Below are some specific examples that provide (partial) insights into the Sanary reading evenings and their context:
- René Schickele, Diary, May 8, 1933
Schickele notes an encounter with Thomas Mann: “He looks terrible … very depressed … For Heinrich Mann, exile means … no great change … Thomas … has … fallen from heaven.” Schickele thus contributes to the mood of the early exile phase. literaturportal-bayern.de - Thomas Mann — Letter to Hermann Hesse, July 31, 1933
In this letter, Thomas Mann expresses his inner conflicts with his situation in exile: “I have fought my battle. Of course, there are still moments when I ask myself: why, actually? … It wouldn’t work, I would degenerate …”The letter shows how literary creativity in Sanary was linked to existential uncertainty. literaturportal-bayern.de - Monika Mann, Memories
Monika Mann describes how her father continued the reading evenings at Villa La Tranquille that had already begun in Bandol, and that Schickele, Feuchtwanger, and Heinrich Mann also recited texts alongside him. literaturportal-bayern.de+2literaturportal-bayern.de+2 - Sanary: “Villa Valmer” — Feuchtwanger’s Salon
After Thomas Mann left Sanary, Villa Valmer became a meeting place for literary circles, with readings and exchanges of ideas. Marta Feuchtwanger organized tea parties to which up to sixty guests were invited. Office de Tourisme Sanary sur Mer+1 - Secondary literature / Exile studies
The study Sanary – Deutsche Literatur im Exil (Sanary – German Literature in Exile) mentions a letter from Schickele to Thomas Mann dated April 17, 1933, which relates to the mediation of exile. SpringerLinkExile in Paradise: A Literary History of Sanary-sur-Mer analyzes the intellectual networks, institutional infrastructure of the exile colony, and literary practice in Sanary from a cultural-historical perspective. nomadit.co.uk+2nomadit.co.uk+2 - Literature Portal Bavaria
It states: “At Villa La Tranquille, Thomas Mann continues the reading evenings he began in Bandol. … Here, authors such as Rene Schickele, Lion Feuchtwanger, his brother Heinrich, and Mann himself recite texts.” literaturportal-bayern.de
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