Category: History

  • รˆze Village an Eagle’s Nest

    Between Nice and Monaco, the village of รˆze rises like a defiant prayer in stone. Anyone climbing the steep path today can perhaps still sense the breath of centuries pastโ€”the crunch of boots on limestone, the distant thunder of cannons, the whispering of loyalties that changed with the wind like the flags on the battlements.

    รˆze Village

    In the 14th and 15th centuries, this rocky nest belonged to the Duchy of Savoy, that idiosyncratic power between the Alps and the sea, which was neither entirely Italian nor entirely French, but a border kingdom โ€“ tough, ambitious, distrustful. Savoy knew the value of heights. Whoever held the mountains held the roads. And whoever held the roads controlled trade, customs duties, rumors โ€“ and destiny.

    รˆze was not a pretty village for painters and flรขneurs, but a guard post. Fortification โ€“ Savoy’s systematic policy of fortification โ€“ turned the rock into a bastion. Rings of walls snaked around the summit like stone serpents; narrow gates, built so that no assault could easily break them, forced attackers into tight angles. A keep rose above the roofs, watchful like a stone eye over the Mediterranean. The houses themselves were part of the defense: densely built, with hardly any gaps, narrow alleys that resembled embrasures rather than streets. Those who fought here fought step by step.

    รˆze Village

    Savoy fortified not out of vanity, but out of necessity. The coast was contested. The Counts of Provence looked covetously upon the strategic heights. Later, the French crown pressed in, and from the east, the influence of the Italian powers grew. รˆze was a border post in a game whose rules were constantly changing.

    The fighting rarely took the form of large, decisive battles. It came in the form of dawn raids, sieges that lasted for weeks, and betrayals behind half-open gates. According to chronicles from the region, a Savoyard garrison once held out for months while enemy troops cut off the water supply. They lived on supplies, salted fish, and whatever the cisterns yielded. Thirst was the invisible besieger.

    But Savoy knew how to hold its ground. The dukes โ€“ from Amadeus to their successors โ€“ invested in stone rather than splendor. While cathedrals grew elsewhere, bastions grew here. The walls of รˆze were reinforced, towers raised, embrasures adapted to the new art of gunpowder. With the advent of artillery, the rock also changed: the ramparts had to be lower, thicker, and more resistant. War wrote its technical evolution into the limestone.

    And yet the village was more than just a garrison. Between the alarm calls, everyday life revolved around olive oil, fishing, and pious processions. The people knew that they were living on a threshold. Their identity was not a fixed banner, but a fabric of dialects, alliances, and survival strategies. Sometimes they spoke of the Savoyard lord with loyalty, sometimes with cautious distance. For power, they had learned, is never final in border regions.

    History รˆze Village

    In the 16th century, when the great European conflicts reached the coast, รˆze once again became a pawn. Tensions between Savoy and France escalated, and the region around Nice was fought over several times. The walls of รˆze saw banners change, heard commands in different languages. Each party promised protection; each demanded loyalty.

    It is said that after a particularly fierce battle, parts of the fortifications were severely damaged. But even in ruins, the place remained a symbol. The rock itself was the real fortress โ€“ ancient, unyielding, indifferent to the changing rulers. Savoy may have ruled, France may have pressed, but the stone outlasted them all.

    When you walk through รˆze today, between galleries and gardens, you can only see fragments of that defensibility. But in the narrowness of the alleys, in the abrupt drop of the cliffs, in the view down to the wide sea, that old logic still remains: whoever stands up here has gained time.

    And perhaps that is the real story of Savoy in รˆzeโ€”not triumph or defeat, but the steadfast holding of a rock against the turmoil of the world.


    in Deutsch:

    Zwischen Nizza und Monaco erhebt sich, wie ein trotziges Gebet aus Stein, das Dorf รˆze. Wer heute den steilen Pfad hinaufsteigt, ahnt vielleicht noch den Atem der Jahrhunderte โ€“ das Knirschen von Stiefeln auf Kalk, das ferne Donnern von Geschรผtzen, das Flรผstern von Loyalitรคten, die im Wind wechselten wie die Fahnen auf den Zinnen.

    Im 14. und 15. Jahrhundert gehรถrte dieses felsige Nest zur Herzogtum Savoyen, jener eigenwilligen Macht zwischen Alpen und Meer, die weder ganz italienisch noch ganz franzรถsisch war, sondern ein Grenzreich โ€“ zรคh, ehrgeizig, misstrauisch. Savoyen wusste um den Wert von Hรถhen. Wer die Berge hielt, hielt die Wege. Und wer die Wege hielt, kontrollierte den Handel, die Zรถlle, die Gerรผchte โ€“ und das Schicksal.

    รˆze war kein schmuckes Dorf fรผr Maler und Flaneure, sondern eine Wache. Die Fortesierung โ€“ jene systematische Befestigungspolitik Savoyens โ€“ machte aus dem Felsen eine Bastion. Mauerringe schlangen sich um den Gipfel wie steinerne Schlangen; schmale Tore, so gebaut, dass kein Sturmangriff sie leicht brechen konnte, zwangen Angreifer in enge Winkel. Ein Donjon erhob sich รผber die Dรคcher, wachsam wie ein steinernes Auge รผber dem Mittelmeer. Die Hรคuser selbst waren Teil der Verteidigung: dicht gebaut, kaum Zwischenrรคume, schmale Gassen, die eher Scharten als StraรŸen glichen. Wer hier kรคmpfte, kรคmpfte Schritt um Schritt.

    Savoyen befestigte nicht aus Eitelkeit, sondern aus Not. Die Kรผste war umkรคmpft. Die Grafen von Provence blickten mit Begehrlichkeit auf die strategischen Hรถhen. Spรคter drรคngte die franzรถsische Krone, und von Osten her wuchs der Einfluss der italienischen Mรคchte. รˆze war Grenzposten in einem Spiel, dessen Regeln sich stรคndig รคnderten.

    Die Kรคmpfe kamen selten als groรŸe, entscheidende Schlacht. Sie kamen als รœberfรคlle im Morgengrauen, als Belagerungen, die Wochen dauerten, als Verrat hinter halb geรถffneten Toren. Einmal โ€“ so berichten Chroniken aus der Region โ€“ soll eine savoyische Garnison monatelang ausgeharrt haben, wรคhrend feindliche Truppen die Wasserzufuhr kappten. Man lebte von Vorrรคten, von gesalzenem Fisch, von dem, was die Zisternen hergaben. Der Durst war der unsichtbare Belagerer.

    Doch Savoyen verstand es, seine Hรถhen zu halten. Die Herzรถge โ€“ von Amadeus bis zu ihren Nachfolgern โ€“ investierten in Stein statt in Pracht. Wรคhrend anderswo Kathedralen wuchsen, wuchsen hier Bastionen. Die Mauern von รˆze wurden verstรคrkt, Tรผrme erhรถht, SchieรŸscharten an die neue Kunst des Pulvers angepasst. Mit dem Aufkommen der Artillerie verรคnderte sich auch der Fels: niedriger, dicker, widerstandsfรคhiger mussten die Wรคlle sein. Der Krieg schrieb seine technische Evolution in den Kalkstein.

    Und doch war das Dorf mehr als Garnison. Zwischen den Alarmrufen lebte ein Alltag aus Olivenรถl, Fischfang und frommen Prozessionen. Die Menschen wussten, dass sie auf einer Schwelle lebten. Ihre Identitรคt war kein festes Banner, sondern ein Gewebe aus Dialekten, Bรผndnissen, รœberlebensstrategien. Mal sprach man vom savoyischen Herrn mit Loyalitรคt, mal mit vorsichtiger Distanz. Denn Macht, das hatte man gelernt, ist in Grenzregionen nie endgรผltig.

    Im 16. Jahrhundert, als die groรŸen europรคischen Konflikte die Kรผste erreichten, wurde รˆze erneut zum Spielball. Die Spannungen zwischen Savoyen und Frankreich eskalierten, und die Region um Nizza wurde mehrfach umkรคmpft. Die Mauern von รˆze sahen Banner wechseln, hรถrten Befehle in verschiedenen Zungen. Jede Partei versprach Schutz; jede forderte Treue.

    Es heiรŸt, dass nach einem besonders heftigen Gefecht Teile der Befestigung schwer beschรคdigt wurden. Doch selbst in Trรผmmern blieb der Ort Symbol. Der Fels selbst war die eigentliche Festung โ€“ uralt, unbeugsam, gleichgรผltig gegenรผber den wechselnden Herren. Savoyen mochte herrschen, Frankreich mochte drรคngen, doch der Stein รผberdauerte sie alle.

    Wenn man heute durch รˆze geht, zwischen Galerien und Gรคrten, sieht man nur noch Fragmente jener Wehrhaftigkeit. Doch in der Enge der Gassen, im abrupten Abbruch der Klippen, im Blick hinunter auf das weite Meer liegt noch immer jene alte Logik: Wer hier oben steht, hat Zeit gewonnen.

    Und vielleicht ist das die eigentliche Geschichte Savoyens in รˆze โ€“ nicht Triumph oder Niederlage, sondern das beharrliche Halten eines Felsens gegen die Unruhe der Welt.

    by Klaus Kampe

  • Podcast on the book โ€œGerman Emigrants”

    This theme documents three centuries of German emigration. Letters and diaries bring to life stories of people fleeing religious persecution, hunger, and the pursuit of freedom. The journey takes us from war-torn Europe to America and the Volga River.

    Deutsche Auswanderer, Schicksale รผber 3 Jahrhunderte

    by Klaus Kampe

  • รœber die Romantik

    Hier ein begleitendes Wort zum neuen Buch โ€žZwischen Sehnsucht und Machtโ€œ โ€“ Wie Romantik und Idealismus die deutsche Geschichte prรคgten von Klaus Kampe. Es geht um eine Warnung vor den Auswรผchsen von Idealismus und Romantik in der heutigen Zeit. Das Buch stรผtzt sich auf historische und philosophische Analysen, die zeigen, wie die Sehnsucht nach einer โ€žhรถheren Ordnungโ€œ oder โ€žWiederverzauberungโ€œ der Welt in gefรคhrliche Irrationalitรคt oder Totalitarismus umschlagen kann.

    Hier ist ein Entwurf:

    Die Geschichte der deutschen Romantik lehrt uns, dass der Versuch, die Welt durch reine Poesie oder Idealismus zu heilen, oft mit einer gefรคhrlichen Realitรคtsferne einhergeht. Wenn das โ€žromantische Subjektโ€œ die Welt nur noch als Anlass fรผr seine eigene Produktivitรคt und Stimmung nutzt, droht eine politische Handlungsunfรคhigkeit oder eine bloรŸe Simulation von Wirksamkeit.

    Besonders im Kontext moderner GroรŸprojekte wie dem Green Deal oder radikaler Umweltbewegungen besteht die Gefahr, dass die Vernunft in Unvernunft und Aufklรคrung in einen neuen Mythos umschlรคgt. Adorno und Horkheimer warnten in ihrer โ€žDialektik der Aufklรคrungโ€œ bereits davor, dass eine total verwaltete Welt keine wahre Freiheit schafft, sondern neue Formen der Unterwerfung, in denen der Einzelne zugunsten einer vermeintlich hรถheren kollektiven Notwendigkeit nichts mehr zรคhlt.

    Kritische Punkte der Warnung:

    โ€ข Der รคsthetische Aristokratismus: Idealisten neigen dazu, ihre Visionen รผber die profanen Bedรผrfnisse der โ€žMasseโ€œ zu stellen, was zu einer Entfremdung von der sozialen Realitรคt fรผhrt.

    โ€ข Die โ€žstรคhlerne Romantikโ€œ der Planung: Carl Schmitt warnte vor den Paradiesen einer durchgeplanten Welt, die durch entfesselte Produktivkraft eine โ€žSozialschrankeโ€œ errichtet, die den Menschen nicht mehr erkennt, sondern ihn gewaltsam verรคndern will.

    โ€ข Verlust der Dezision (Entscheidungsfรคhigkeit): Romantiker verweilen oft im รคsthetischen โ€žMรผรŸiggangโ€œ und scheitern an der Notwendigkeit klarer politischer Unterscheidungen, was sie anfรคllig fรผr die Instrumentalisierung durch fremde Mรคchte macht.

    โ€ข Der โ€žKrankheitskeimโ€œ im Ideal: Wie Thomas Mann 1945 ausfรผhrte, trรคgt die Romantik oft einen Keim in sich, der die Hingabe an das Irrationale und eine weltfremde Tiefe รผber die demokratische Nรผchternheit stellt.

    Man muss daher wachsam gegenรผber Bewegungen sein, die das Politische in โ€žRausch und Mysteriumโ€œ zurรผckverwandeln wollen. Eine Politik, die nur noch auf Gefรผhl, Erweckung und utopischem Schein basiert, verliert den Boden der rechtlichen und rationalen Normen und bereitet so den Weg fรผr eine neue Barbarei.

    Es gilt, die Romantik als Korrektiv der Moderne zu nutzen, ohne sie zur Staatsideologie zu erheben, da sie sonst unweigerlich in der Katastrophe endet.

    by Klaus Kampe

  • Buchbesprechung “Deutsche Exilanten”

    Podcast von Arcoplexus zum Buch “Deutsche Exilanten an der Cรดte d’Azur” von Klaus Kampe. Das Werk dokumentiert das bewegte Leben deutscher Exilanten an der Cรดte dโ€™Azur wรคhrend der 1930er Jahre. Im Fokus stehen Zufluchtsorte wie Sanary-sur-Mer und Nizza, wo bedeutende Intellektuelle wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Hannah Arendt versuchten, ihre kulturelle Identitรคt gegen das NS-Regime zu verteidigen. Die Texte beleuchten zudem die mutigen Rettungsaktionen von Varian Fry in Marseille sowie die kรผnstlerische Arbeit des Fotografen Walter Bondy. Neben literarischen Analysen und historischen Fakten flieรŸen persรถnliche Anekdoten und fiktive Dialoge ein, die das Spannungsfeld zwischen mediterraner Idylle und existenzieller Bedrohung spรผrbar machen. Letztlich dient das Buch als Hommage an die schรถpferische Kraft einer Generation, die trotz Verfolgung und Internierung an Humanismus und Freiheit festhielt. Es verbindet dabei die historische Spurensuche mit dem kollektiven Gedรคchtnis einer verlorenen Welt. Zum Buch:


    Deutsche Exilanten an der Cรดte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Cรดte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Cรดte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Cรดte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Cรดte d'Azur von Klaus Kampe

    by Klaus Kampe

  • Views on left- and right-wing ideology

    Ideologies are always prisons of thought based on ignorance rather than tolerance.

    Using the example of

    Whittaker Chambers: (Cold War Classics) โ€œWitnessโ€
    vs.
    Hannah Arendt: โ€œVita activa or On Active Lifeโ€
    two responses to the same experience.

    Common starting point: break with ideology

    Chambers experienced

    communism as a belief system
    the break is existential, almost religious
    ideology = attempt to impose meaning on history

    Arendt

    analyzed ideology as a substitute for thinking
    Ideology = logic that overwhelms reality
    Totalitarianism arises when people stop judging
    Commonality:
    Ideology is not โ€œthinking wrong,โ€ but rather no longer thinking.
    The decisive difference: What follows from the break?
    Here, the paths diverge radically.
    Chambers: Withdrawal from politics
    Central motif in Witness

    Anthropology

    Man is fallen
    Power always corrupts
    History tends toward evil
    Response to totalitarianism:
    Asceticism, witness, sacrifice, refusal.
    Arendt: Return to politics
    Central motif in Vita activa
    Freedom exists only where people act together.
    Consequences:
    Politics is irreplaceable.
    No salvation, no ultimate goal.
    Freedom arises between people, not in the soul.
    Anthropology
    Humans are capable of beginning (natality).
    History is open.
    Guilt and responsibility are political, not metaphysical.
    Response to totalitarianism:
    Action, public discourse, judgment.
    The core conflict
    Question
    Chambers
    Arendt
    Where does salvation lie?
    Outside the world
    In the world
    Role of politics
    Danger
    Necessity
    Attitude toward history
    Doom logic
    Openness
    Antidote to ideology
    Faith
    Thinking
    Freedom
    Internal
    Public
    Why the New Right chooses Chambers โ€“ and avoids Arendt
    Chambers is attractive because:
    he creates meaning
    clearly distributes guilt and blame
    makes history readable as a struggle
    charges politics with morality
    perfect for Kulturkampf narratives.
    Arendt is uncomfortable because:
    she promises no salvation
    she critically examines all camps
    she demands judgment, not loyalty
    she desacralizes politics
    bad for mobilization, good for freedom.
    Blรผcher as the silent key
    Blรผcher would say between the two:
    โ€œThose who ask for meaning instead of responsibility are fleeing from freedom.โ€
    He shares the break with Chambers,
    but with Arendt the consequence:
    no ideology
    no doctrine of salvation
    no ultimate order
    Only action under uncertainty.
    Escalation (honest, not conciliatory)
    Chambers helps us to leave totalitarianism behind.
    Arendt helps us to avoid falling back into it.
    The New Right often stops at the first step.
    How Arendt is systematically misunderstood today (e.g., โ€œmass society = liberalismโ€)
    The fundamental misunderstanding: Arendt = anti-liberalism?
    Claim (New Right, but also post-liberals):
    Arendt showed that liberalism leads to mass society and thus to totalitarianism.
    What Arendt actually says:
    Mass society does not arise from too much freedom,
    but from the disintegration of the world, bonds, and political action.
    This can happen in liberal, authoritarian, or revolutionary systems.
    For Arendt, liberalism is not the cause, but is often too weak to prevent totalitarianism.
    Misunderstanding: โ€œMass society = multiculturalism/migrationโ€
    Right-wing interpretation:
    โ€œAtomized massesโ€ = cultural mixing, migration, urbanity
    Solution: homogeneity, nation, tradition
    Arendt:
    Mass = politically uprooted people
    The decisive factor is lawlessness, not origin.
    Nation states themselves have produced masses (e.g., stateless persons in the 1930s).
    Ethnic homogeneity does not protect against totalitarianism โ€“ it often accelerates it.
    Misunderstanding: Arendt legitimizes authoritarian order
    Right-wing appeal:
    Order, authority, discipline as a bulwark against chaos
    Arendt:
    makes a strict distinction between:
        authority (recognized, not enforced)
        power (derived from collective action)
        force (a substitute for power)
    Authoritarian regimes destroy power; they do not stabilize it.
    Those who confuse violence with order reproduce totalitarian logic.
    Misunderstanding: Arendt = cultural pessimism
    Simplified interpretation:
    Modernity = decline
    Technology, consumption, equality = threat
    Arendt:
    criticizes depoliticization, not modernity
    Technology is not the problem,
    but when it replaces human action
    Equality is a prerequisite for politics, not its enemy
    Arendt is not a cultural critic in the right-wing sense.
    Misunderstanding: โ€œThe banality of evilโ€ = trivialization
    Frequent right-wing (and popular) misreading:
    Eichmann was โ€œjust a cog in the wheelโ€
    Guilt disappears in the system
    Arendt means:
    Eichmann was guilty,
    but not demonic,
    rather lacking in judgment
    which is more dangerous than fanaticism
    Evil does not become smaller, but closer.
    This is uncomfortable for right-wing movements:
    Guilt cannot be externalized.
    Even โ€œnormal patriotsโ€ can bear injustice.
    Misunderstanding: Arendt as defender of โ€œWestern values.โ€
    Instrumentalization:
    Arendt as key witness for โ€œdefense of civilization.โ€
    The West vs. barbarism.
    Arendt:
    Rejects myths of civilization
    Totalitarianism is modern, Western, rational
    Not a โ€œforeignโ€ disease
    Those who use Arendt for cultural warfare have already lost.
    The blind spot of the New Right
    The New Right adopts:
    Arendt's diagnosis of fear
    Her criticism of ideology
    Her skepticism toward narratives of progress
    It rejects:
    Judgment against its own side
    Plurality
    Public sphere without compulsory loyalty
    Arendt would say:
    Ideology begins where thinking ends โ€“ even on the right.
    Misunderstanding: Liberals also misread Arendt
    Not just the right.
    Liberal simplification:
    Arendt = constitution, institutions, rule of law
    Problem:
    Arendt was skeptical of pure administrative liberalism
    without a vibrant public sphere, institutions collapse
    Bureaucracy is politically empty, not neutral
    Arendt is anti-technocratic, not anti-liberal.
    Arendt is anti-technocratic, not anti-liberal.
    The New Right reads Arendt as a warning against freedom.
    Liberals read her as a defender of order.
    Both are wrong.
    Arendt defends freedom as a practice.
    And that makes her dangerous to any camp logic.
    Hannah Arendt โ†” Carl Schmitt
    Why their proximity is assertedโ€”and their opposition is concealed
    Why they are mentioned together at all
    The New Right likes to claim:
    โ€œArendt and Schmitt both analyze the crisis of liberalism.โ€
    Formally, this is true:
    both criticize liberal legalism
    both do not see politics as administration
    both reject optimism about progress
    But:
    They draw opposite conclusions from this.
    The decisive contrast (one sentence)
    Schmitt asks: Who decides in a state of emergency?
    Arendt asks: How can people act together without a state of emergency?
    Understanding of politics
    Carl Schmitt
    Politics = friendโ€“enemy distinction
    The political is conflictual or not at all
    Unity arises through demarcation
    Homogeneity is a prerequisite for political order
    Politics requires decision-making, if necessary against the law.
    Hannah Arendt
    Politics = plural space of appearance
    Politics arises between different parties
    Conflict yes, but not existential
    Homogeneity destroys politics
    Politics needs publicity, not decision-making power.
    State of emergency vs. natality
    Schmitt
    Sovereignty lies with those who decide on states of emergency.
    Exceptions are the moment of truth in politics.
    Law thrives on the breaking of law.
    Order is always precarious, hence authoritarian safeguards.
    Arendt
    Central concept: natality (the ability to begin)
    Politics thrives on new beginnings, not on exceptions
    A state of emergency is political failure
    Freedom begins where violence ends.
    Power and violence (fundamental!)
    Schmitt
    Power = decision-making power
    Violence is a legitimate political means
    Law is ultimately based on violence
    Arendt
    Power arises from joint action
    Violence is a loss of power
    Violence destroys legitimacy, even if it is effective
    Here, any reconciliation is impossible.
    People, unity, homogeneity
    Schmitt
    Democracy = identity of the rulers and the ruled
    This presupposes homogeneity
    Exclusion is democratically legitimate
    Arendt
    The people are not a substance
    Political community arises through participation
    Rights arise from belonging to the world, not from identity
    Schmitt needs exclusion.
    Arendt needs plurality.
    Relationship to liberalism
    Schmitt’s criticism
    Liberalism = depoliticization
    Discussion replaces decision-making
    Morality supplants power
    โ†’ Solution: authoritarian sovereignty.
    Arendt’s critique
    Liberalism = danger of administration
    Politics is replaced by bureaucracy
    Public life becomes desolate
    โ†’ Solution: more politics, not less.
    Same diagnosis โ€“ opposite therapy.
    Why the New Right โ€œSchmittizesโ€ Arendt
    Typical strategy:
    Arendt quotes on crisis, masses, ideology
    combined with Schmitt's:
        Decision
        Sovereignty
        Exception
    Result: seemingly โ€œhumane Schmittโ€
    This is intellectually dishonest:
    Arendt undermines Schmitt's entire foundation
    her concepts of power and freedom directly contradict him
    The moral dividing line
    Schmitt
    Law follows power
    Guilt is secondary
    Loyalty is decisive
    Arendt
    Guilt is personal
    Thinking is a duty
    Loyalty is never an excuse
    Eichmann vs. State of Emergency.
    Escalation Schmitt thinks about politics in terms of war.
    Arendt thinks about politics in terms of action. Schmitt needs enemies to create order.
    Arendt needs others to enable freedom.
    Why this is crucial today
    Those who equate Arendt with Schmitt:
    legitimize states of emergency
    moralize power
    depoliticize responsibility
    Arendt would be radical here:
    The state of emergency is not the salvation of politics, but its end.
    Carl Schmitt and the authoritarian left
    Basic idea: Schmitt’s core concepts
    The central Schmittian concept:
    Sovereignty = Who decides on the state of emergency
    Power concentrates when rules fail.
    The sovereign stands above the law in order to enforce order or transformation.
    Friendโ€“enemy logic
    Politics is always conflict.
    Unity arises through demarcation.
    State decision โ‰ซ Moral or liberal principles
    Legal norms are secondary to effective power.
    Why this is attractive to the authoritarian left
    a) State-centered solution to crises
    Marxists, Leninists, or Stalinists seek instruments to enforce radical transformation.
    Schmitt provides legitimation for executive power beyond liberal restrictions.
    b) State of emergency as a political strategy
    Revolution = โ€œpermanent state of emergency.โ€
    Schmitt's theory allows for:
        Emergency as a moment of political clarity.
        Overriding the law as a legitimate means.
    c) Friendโ€“enemy logic for class struggle.
    The left can interpret โ€œbourgeoisie vs. proletariatโ€ as a political exceptional relationship.
    Schmitt's concept becomes the legal or strategic basis for class politics.
    d) Rejection of liberal civil society
    Liberal institutions = obstacle to radical transformation.
    Schmitt shows how law and democracy can be formal without real transformative power.
    Tensions / limits
    Schmitt is not a leftist; he defends the state and order, not revolution.
    Schmitt's emphasis on national homogeneity clashes with internationalist leftist thinking.
    Schmitt wants to limit the state of exception to sovereignty, not to permanent revolution.
    Conclusion: Leftists selectively adopt, often only, the mechanism of power concentration, not his conservative philosophy of the state.
    Historical examples
    Actor
    How Schmitt was received
    Leninism / Stalinism
    Schmitt’s justification of exceptions as justification for the โ€œdictatorship of the proletariatโ€
    Italian left (Gramsci circle)
    Schmitt’s friend-enemy logic for bloc formation in class struggle
    Neo-Marxists / Critical theory
    Schmitt as an analytical tool: states of emergency, political decision-making mechanisms, but without normative approval
    Comparison: left vs. right Schmitt reception
    Feature
    Right
    Authoritarian left
    State of emergency
    Protection of the nation, culture, order
    Transformation, revolution, class rule
    Friendโ€“enemy
    Nation / identity
    Classes, global enemies
    Legitimacy
    Defense, preservation
    Radical transformation
    Relationship to freedom
    Secondary, often repressive
    Secondary, often utopian
    Schmitt is technically flexible because he describes mechanisms of power rather than defining them morally. That is why he works on both sides.
    The crucial point
    Schmitt is attractive to any political movement that wants to transcend legal norms in favor of radical decisions.
    Right: Nation, tradition, identity
    Left: Revolution, class rule, transformation
    Both ignore Schmitt’s normative concern that sovereignty is always bound to responsibility and concrete community.
    Views on left-wing and right-wing ideology

    in german:

    Ansichten zur linken und rechten Ideologie

    Ideologien sind immer Denkgefรคngnisse die auf Ignoranz basieren und nicht auf Toleranz.

    am Beispiel von

    Whittaker Chambers: (Cold War Classics) โ€žWitnessโ€œ
    vs.
    Hannah Arendt: โ€žVita activa oder Vom tรคtigen Lebenโ€œ
    zwei Antworten auf dieselbe Erfahrung.
    1Gemeinsamer Ausgangspunkt: Bruch mit der Ideologie
    Chambers
    • erlebte den Kommunismus als Glaubenssystem
    • der Bruch ist existentiell, fast religiรถs
    • Ideologie = Versuch, der Geschichte einen Sinn aufzuzwingen
    Arendt
    • analysierte Ideologie als Ersatz fรผr Denken
    • Ideologie = Logik, die Realitรคt รผberrollt
    • Totalitarismus entsteht, wenn Menschen aufhรถren zu urteilen

    Gemeinsamkeit:
    Ideologie ist nicht โ€žfalsch denkenโ€œ, sondern nicht mehr denken.


    Der entscheidende Unterschied: Was folgt aus dem Bruch?

    Hier trennen sich die Wege radikal.


    Chambers: Rรผckzug aus der Politik
    Zentrales Motiv in Witness

    Geschichte ist ein geistlicher Kampf, den der Mensch nicht gewinnen kann.

    Konsequenzen:

    • Politik ist sekundรคr, fast gefรคhrlich
    • Erlรถsung liegt auรŸerhalb der politischen Welt
    • Christentum = letzte Wahrheit gegen geschichtsphilosophische Hybris
    Anthropologie
    • Mensch ist gefallen
    • Macht korrumpiert immer
    • Geschichte tendiert zum Bรถsen

    Antwort auf Totalitarismus:
    Askese, Zeugenschaft, Opfer, Verweigerung.


    Arendt: Rรผckkehr in die Politik
    Zentrales Motiv in Vita activa

    Freiheit existiert nur dort, wo Menschen gemeinsam handeln.

    Konsequenzen:

    • Politik ist unersetzlich
    • keine Erlรถsung, kein Endziel
    • Freiheit entsteht zwischen Menschen, nicht in der Seele
    Anthropologie
    • Mensch ist anfangsfรคhig (Natalitรคt)
    • Geschichte ist offen
    • Schuld und Verantwortung sind politisch, nicht metaphysisch

    Antwort auf Totalitarismus:
    Handeln, ร–ffentlichkeit, Urteilskraft.


    Der Kernkonflikt
    FrageChambersArendt
    Wo liegt das Heil?AuรŸerhalb der WeltIn der Welt
    Rolle der PolitikGefahrNotwendigkeit
    Haltung zur GeschichteUntergangslogikOffenheit
    Gegenmittel zur IdeologieGlaubeDenken
    Freiheitinnerlichรถffentlich

    Warum die Neue Rechte Chambers wรคhlt โ€“ und Arendt meidet
    Chambers ist attraktiv, weil:
    • er Sinn stiftet
    • Schuld und Opfer klar verteilt
    • Geschichte als Kampf lesbar macht
    • Politik moralisch auflรคdt

    perfekt fรผr Kulturkampf-Narrative.

    Arendt ist unbequem, weil:
    • sie keine Erlรถsung verspricht
    • sie alle Lager kritisch prรผft
    • sie Urteil verlangt, nicht Loyalitรคt
    • sie Politik entsakralisiert

    schlecht fรผr Mobilisierung, gut fรผr Freiheit.


    Blรผcher als stiller Schlรผssel

    Blรผcher wรผrde zwischen beiden sagen:

    โ€žWer nach Sinn statt nach Verantwortung fragt, flieht vor Freiheit.โ€œ

    Er teilt mit Chambers den Bruch,
    aber mit Arendt die Konsequenz:

    • keine Ideologie
    • keine Heilslehre
    • keine letzte Ordnung

    Nur Handeln unter Unsicherheit.


    Zuspitzung (ehrlich, nicht versรถhnlich)

    Chambers hilft, den Totalitarismus zu verlassen.
    Arendt hilft, danach nicht wieder hineinzugeraten.

    Die Neue Rechte bleibt oft beim ersten Schritt stehen.


    Wie Arendt heute systematisch missverstanden wird (z. B. โ€žMassengesellschaft = Liberalismusโ€œ)

    Das Grundmissverstรคndnis: Arendt = Anti-Liberalismus?
    Behauptung (Neue Rechte, aber auch Postliberale):

    Arendt habe gezeigt, dass Liberalismus zur Massengesellschaft und damit zum Totalitarismus fรผhre.

    Was Arendt tatsรคchlich sagt:
    • Massengesellschaft entsteht nicht aus zu viel Freiheit,
    • sondern aus Zerfall von Welt, Bindungen und politischem Handeln.
    • Das kann in liberalen, autoritรคren oder revolutionรคren Systemen passieren.

    Liberalismus ist bei Arendt nicht Ursache, sondern oft zu schwach, um Totalitarismus zu verhindern.


    Missverstรคndnis: โ€žMassengesellschaft = Multikulturalismus / Migrationโ€œ
    Rechte Lesart:
    • โ€žAtomisierte Massenโ€œ = kulturelle Vermischung, Migration, Urbanitรคt
    • Lรถsung: Homogenitรคt, Nation, Tradition
    Arendt:
    • Masse = politisch entwurzelte Menschen
    • entscheidend ist Rechtslosigkeit, nicht Herkunft
    • Nationalstaaten selbst haben Massen produziert (z. B. Staatenlose der 1930er)

    Ethnische Homogenitรคt schรผtzt nicht vor Totalitarismus โ€“ oft beschleunigt sie ihn.


    Missverstรคndnis: Arendt legitimiere autoritรคre Ordnung
    Rechte Berufung:
    • Ordnung, Autoritรคt, Disziplin als Bollwerk gegen Chaos
    Arendt:
    • unterscheidet strikt:
      • Autoritรคt (anerkannt, nicht erzwungen)
      • Macht (aus gemeinsamem Handeln)
      • Gewalt (Ersatz fรผr Macht)
    • Autoritรคre Regime zerstรถren Macht, sie stabilisieren sie nicht.

    Wer Gewalt mit Ordnung verwechselt, reproduziert totalitรคre Logik.


    Missverstรคndnis: Arendt = Kulturpessimismus
    Verkรผrzte Lesart:
    • Moderne = Verfall
    • Technik, Konsum, Gleichheit = Bedrohung
    Arendt:
    • kritisiert Entpolitisierung, nicht Moderne
    • Technik ist nicht das Problem,
    • sondern wenn sie menschliches Handeln ersetzt
    • Gleichheit ist Voraussetzung von Politik, nicht ihr Feind

    Arendt ist keine Kulturkritikerin im rechten Sinn.


    Missverstรคndnis: โ€žBanalitรคt des Bรถsenโ€œ = Verharmlosung
    Hรคufige rechte (und populรคre) Fehllektรผre:
    • Eichmann sei โ€žnur ein Rรคdchenโ€œ
    • Schuld verschwinde im System
    Arendt meint:
    • Eichmann war schuldig,
    • aber nicht dรคmonisch,
    • sondern urteilslos
    • das ist gefรคhrlicher als Fanatismus

    Das Bรถse wird nicht kleiner, sondern nรคher.

    Fรผr rechte Bewegungen ist das unangenehm:

    • man kann Schuld nicht externalisieren
    • auch โ€žnormale Patriotenโ€œ kรถnnen Unrecht tragen

    Missverstรคndnis: Arendt als Verteidigerin โ€žwestlicher Werteโ€œ
    Instrumentalisierung:
    • Arendt als Kronzeugin fรผr โ€žZivilisationsverteidigungโ€œ
    • Westen vs. Barbarei
    Arendt:
    • lehnt Zivilisationsmythen ab
    • Totalitarismus ist modern, westlich, rational
    • keine โ€žfremdeโ€œ Krankheit

    Wer Arendt fรผr Kulturkampf nutzt, hat sie bereits verloren.


    Der blinde Fleck der Neuen Rechten

    Die Neue Rechte รผbernimmt:

    • Arendts Angstdiagnose
    • ihre Kritik an Ideologie
    • ihre Skepsis gegenรผber Fortschrittsnarrativen

    Sie verweigert:

    • Urteilskraft gegen die eigene Seite
    • Pluralitรคt
    • ร–ffentlichkeit ohne Loyalitรคtszwang

    Arendt wรผrde sagen:

    Ideologie beginnt dort, wo Denken endet โ€“ auch rechts.


    Gegenmissverstรคndnis: Auch Liberale lesen Arendt falsch

    Nicht nur Rechte.

    Liberale Verkรผrzung:
    • Arendt = Verfassung, Institutionen, Rechtsstaat
    Problem:
    • Arendt war skeptisch gegenรผber reinem Verwaltungs-Liberalismus
    • ohne lebendige ร–ffentlichkeit kippen Institutionen
    • Bรผrokratie ist politisch leer, nicht neutral

    Arendt ist anti-technokratisch, nicht anti-liberal.


    Die Neue Rechte liest Arendt als Warnerin vor Freiheit.
    Liberale lesen sie als Verteidigerin von Ordnung.
    Beides ist falsch.

    Arendt verteidigt Freiheit als Praxis.
    Und das macht sie fรผr jede Lagerlogik gefรคhrlich.


    Hannah Arendt โ†” Carl Schmitt

    Warum ihre Nรคhe behauptet โ€“ und ihr Gegensatz verschwiegen wird


    Warum sie รผberhaupt zusammen genannt werden

    Die Neue Rechte behauptet gern:

    โ€žArendt und Schmitt analysieren beide die Krise des Liberalismus.โ€œ

    Formal stimmt das:

    • beide kritisieren liberalen Legalismus
    • beide sehen Politik nicht als Verwaltung
    • beide lehnen Fortschrittsoptimismus ab

    Aber:
    Sie ziehen daraus entgegengesetzte Schlรผsse.


    Der entscheidende Gegensatz (ein Satz)

    Schmitt fragt: Wer entscheidet im Ausnahmezustand?
    Arendt fragt: Wie kรถnnen Menschen gemeinsam handeln, ohne Ausnahmezustand?


    Politikverstรคndnis
    Carl Schmitt
    • Politik = Freundโ€“Feind-Unterscheidung
    • das Politische ist konfliktiv oder gar nicht
    • Einheit entsteht durch Abgrenzung
    • Homogenitรคt ist Voraussetzung politischer Ordnung

    Politik braucht Entscheidung, notfalls gegen Recht.


    Hannah Arendt
    • Politik = pluraler Raum des Erscheinens
    • Politik entsteht zwischen Verschiedenen
    • Konflikt ja, aber nicht existenziell
    • Homogenitรคt zerstรถrt Politik

    Politik braucht ร–ffentlichkeit, nicht Entscheidungsmacht.


    Ausnahmezustand vs. Natalitรคt
    Schmitt
    • Souverรคn ist, wer รผber den Ausnahmezustand entscheidet
    • Ausnahme ist der Wahrheitsmoment der Politik
    • Recht lebt vom Bruch des Rechts

    Ordnung ist immer prekรคr, daher autoritรคre Absicherung.


    Arendt
    • Zentralbegriff: Natalitรคt (Anfangsfรคhigkeit)
    • Politik lebt vom Neuanfang, nicht von der Ausnahme
    • Ausnahmezustand ist politisches Scheitern

    Freiheit beginnt dort, wo Gewalt endet.


    Macht und Gewalt (fundamental!)
    Schmitt
    • Macht = Entscheidungskraft
    • Gewalt ist legitimes politisches Mittel
    • Recht grรผndet letztlich auf Gewalt

    Arendt
    • Macht entsteht aus gemeinsamem Handeln
    • Gewalt ist Machtverlust
    • Gewalt zerstรถrt Legitimitรคt, auch wenn sie effektiv ist

    Hier ist jede Versรถhnung unmรถglich.


    Volk, Einheit, Homogenitรคt
    Schmitt
    • Demokratie = Identitรคt von Regierenden und Regierten
    • das setzt Homogenitรคt voraus
    • Ausschluss ist demokratisch legitim

    Arendt
    • Volk ist keine Substanz
    • politische Gemeinschaft entsteht durch Teilnahme
    • Rechte entstehen aus Zugehรถrigkeit zur Welt, nicht aus Identitรคt

    Schmitt braucht Ausschluss.
    Arendt braucht Pluralitรคt.


    Verhรคltnis zum Liberalismus
    Schmitts Kritik
    • Liberalismus = Entpolitisierung
    • Diskussion ersetzt Entscheidung
    • Moral verdrรคngt Macht

    โ†’ Lรถsung: autoritรคre Souverรคnitรคt.


    Arendts Kritik
    • Liberalismus = Gefahr der Verwaltung
    • Politik wird durch Bรผrokratie ersetzt
    • ร–ffentlichkeit verรถdet

    โ†’ Lรถsung: mehr Politik, nicht weniger.

    ๐Ÿ‘‰ Gleiche Diagnose โ€“ entgegengesetzte Therapie.


    Warum die Neue Rechte Arendt โ€žschmittisiertโ€œ

    Typische Strategie:

    • Arendt-Zitate zu Krise, Masse, Ideologie
    • kombiniert mit Schmitts:
      • Entscheidung
      • Souverรคnitรคt
      • Ausnahme
    • Ergebnis: scheinbar โ€žhumaner Schmittโ€œ

    Das ist intellektuell unredlich:

    • Arendt entzieht Schmitt jede Grundlage
    • ihre Macht- und Freiheitsbegriffe widersprechen ihm direkt

    Die moralische Trennlinie
    Schmitt
    • Recht folgt Macht
    • Schuld ist sekundรคr
    • Loyalitรคt entscheidet
    Arendt
    • Schuld ist persรถnlich
    • Denken ist Pflicht
    • Loyalitรคt ist nie Entschuldigung

    Eichmann vs. Ausnahmezustand.


    10. Zuspitzung

    Schmitt denkt Politik vom Krieg her.
    Arendt denkt Politik vom Handeln her.

    Schmitt braucht Feinde, um Ordnung zu schaffen.
    Arendt braucht Andere, um Freiheit zu ermรถglichen.


    Warum das heute entscheidend ist

    Wer Arendt mit Schmitt kurzschlieรŸt:

    • legitimiert Ausnahmezustรคnde
    • moralisiert Macht
    • entpolitisiert Verantwortung

    Arendt wรคre hier radikal:

    Der Ausnahmezustand ist nicht die Rettung der Politik, sondern ihr Ende.


    Carl Schmitt und die autoritรคre Linke

    Grundidee: Schmitts Kernkonzepte

    Die zentrale Schmittsche Denkfigur:

    1. Souverรคnitรคt = Wer รผber den Ausnahmezustand entscheidet
      • Macht konzentriert sich, wenn Regeln versagen.
      • Der Souverรคn steht รผber Recht, um Ordnung oder Transformation durchzusetzen.
    2. Freundโ€“Feind-Logik
      • Politik ist immer Konflikt.
      • Einheit entsteht durch Abgrenzung.
    3. Staatliche Entscheidung โ‰ซ Moralische oder liberale Prinzipien
      • Rechtsnormen sind sekundรคr gegenรผber effektiver Macht.

    Warum das fรผr autoritรคre Linke attraktiv ist
    a) Staatszentrierte Lรถsung von Krisen
    • Marxisten, Leninisten oder Stalinisten suchen Instrumente, um radikale Transformation durchzusetzen.
    • Schmitt liefert Legitimation fรผr Exekutive Macht jenseits liberaler Beschrรคnkungen.
    b) Ausnahmezustand als politische Strategie
    • Revolution = โ€ždauerhafter Ausnahmezustandโ€œ.
    • Schmitts Theorie erlaubt:
      • Notstand als Moment der politischen Klarheit
      • รœbergehung von Recht als legitimes Mittel
    c) Freundโ€“Feind-Logik fรผr Klassenkampf
    • Linke kรถnnen โ€žBourgeoisie vs. Proletariatโ€œ als politische Ausnahmebeziehung interpretieren.
    • Schmitts Begriff wird zur juristischen oder strategischen Untermauerung von Klassenpolitik.
    d) Ablehnung liberaler Zivilgesellschaft
    • Liberale Institutionen = Hindernis fรผr radikale Umgestaltung.
    • Schmitt zeigt, wie Recht und Demokratie formal sein kรถnnen, ohne echte transformative Macht.

    Spannungen / Grenzen
    • Schmitt ist kein Linker; er verteidigt Staat und Ordnung, nicht Revolution.
    • Schmitts Betonung der Nationalhomogenitรคt kollidiert mit internationalistischem Linken-Gedanken.
    • Schmitt will den Ausnahmezustand begrenzen auf Souverรคnitรคt, nicht auf permanente Revolution.

    Fazit: Linke nehmen selektiv, oft nur den Mechanismus der Machtkonzentration, nicht seine konservative Staatsphilosophie.


    Historische Beispiele
    AkteurWie Schmitt rezipiert wurde
    Leninismus / StalinismusSchmittsche Ausnahmebegrรผndung als Rechtfertigung fรผr โ€žDiktatur des Proletariatsโ€œ
    Italienische Linke (Gramsci-Kreis)Schmitts Freundโ€“Feind-Logik fรผr Blockbildung im Klassenkampf
    Neo-Marxisten / Kritische TheorieSchmitt als Analysewerkzeug: Ausnahmezustรคnde, politische Entscheidungsmechanismen, jedoch ohne normative Zustimmung

    Vergleich: Linke vs. Rechte Schmitt-Rezeption
    MerkmalRechteAutoritรคre Linke
    AusnahmezustandSchutz der Nation, Kultur, OrdnungTransformation, Revolution, Klassenherrschaft
    Freundโ€“FeindNation / IdentitรคtKlassen, globale Feinde
    LegitimationVerteidigung, ErhaltRadikale Umgestaltung
    Verhรคltnis zu FreiheitSekundรคr, oft repressivSekundรคr, oft utopisch

    โžก๏ธ Schmitt ist technisch flexibel, weil er Machtmechanismen beschreibt, nicht moralisch definiert. Darum funktioniert er auf beiden Seiten.


    Der entscheidende Punkt

    Schmitt ist attraktiv fรผr jede politische Richtung, die Rechtsnormen zugunsten radikaler Entscheidung รผberschreiten will.

    • Rechte: Nation, Tradition, Identitรคt
    • Linke: Revolution, Klassenherrschaft, Umgestaltung
    • Beide ignorieren Schmitts normatives Anliegen, dass Souverรคnitรคt immer an Verantwortung und konkrete Gemeinschaft gebunden ist.

  • Berliner Tageblatt, โ€œTen Years of Niceโ€

    Kurt and Theodor Wolff, the Berliner Tageblatt, โ€œTen Years of Nice,โ€ and Alfred Neumannโ€”Facets of a Liberal Public Sphere.

    These men were primarily active in the late 19th and first half of the 20th century, with a focus on the period between the German Empire and the Weimar Republic. The history of the German press and intellectual world in the late 19th and early 20th centuries is hardly conceivable without the Berliner Tageblatt. As one of the most important liberal mass-circulation newspapers of the German Empire and the Weimar Republic, it was not only a news medium but also a forum for political debate, literary innovation, and European self-understanding. This environment attracted personalities such as Kurt and Theodor Wolff and authors such as Alfred Neumann, whose contributions exemplify the connection between journalism, literature, and political thought.

    Theodor Wolff, long-time editor-in-chief of the Berliner Tageblatt, had a decisive influence on the newspaper. He understood journalism as a moral and political task. Under his leadership, the newspaper developed into a voice for liberalism, the rule of law, and understanding between European nations. Wolff’s editorials combined analytical acuity with linguistic elegance and made the Berliner Tageblatt a leading medium for the educated public. His work showed that political journalism could be more than mere reporting: it became intellectual intervention.

    Kurt Wolff, although not directly part of the editorial team, represented a similar intellectual attitude. As one of the most important publishers of the 20th century, he promoted authors of literary modernism such as Franz Kafka, Georg Trakl, and Else Lasker-Schรผler. The proximity between the press and literature, as evidenced in the environment of the Berliner Tageblatt, points to a common cultural project: the renewal of language, thought, and social sensitivity. Kurt Wolff’s publishing work thus complemented Theodor Wolff’s journalistic work on a different, literary level.

    One example of the Berliner Tageblatt’s European perspective is its review โ€œTen Years of Nice.โ€ Such articles were typical of the paper: they combined current politics with historical reflection. The reference to Niceโ€”as a venue for international conferences and diplomatic negotiationsโ€”symbolizes the paper’s interest in European power relations, peace agreements, and Germany’s role in international politics. Reviews of this kind served not only to inform readers, but also to educate them politically.

    Alfred Neumann, who contributed to the intellectual milieu of the time as a journalist and writer, can also be placed in this context. His texts often combined political analysis with literary ambition, thus fitting in with the profile of the Berliner Tageblatt. Authors such as Neumann embodied the type of writing intellectual who mediated between feature pages, political commentary, and literary form.

    In summary, it can be said that Kurt and Theodor Wolff, the Berliner Tageblatt, articles such as โ€œTen Years in Nice,โ€ and authors such as Alfred Neumann were part of a shared cultural context. They represent an era in which journalism, literature, and politics were closely intertwined and in which liberal public discourse was understood as a central prerequisite for democratic culture. Looking back, it becomes clear how fragileโ€”and at the same time how significantโ€”this tradition was.

    These men were primarily active in the late 19th and first half of the 20th century, with a focus on the period between the German Empire and the Weimar Republic.

    Theodor Wolff (1868โ€“1943)

    • Active approx. 1900โ€“1933
    • Editor-in-chief of the Berliner Tageblatt from 1906 to 1933
    • A defining figure of left-wing liberal journalism in the German Empire and the Weimar Republic
    • Had to go into exile from the Nazis in 1933

    Kurt Wolff (1887โ€“1963)

    • Active from around 1910 until the 1950s
    • Most important publisher of literary modernism
    • Focus of his work: the 1910s and 1920s
    • Also emigrated after 1933 (USA)

    Alfred Neumann (1895โ€“1952)

    • Active primarily in the 1920s and early 1930s
    • Journalist and writer of the Weimar Republic
    • Wrote political and literary texts
    • Emigration after 1933

    Shared historical context

    • German Empire (1871โ€“1918)
    • First World War
    • Weimar Republic (1919โ€“1933)
    • End of their activities in Germany due to the National Socialists’ seizure of power

    Overall, they belonged to Germany’s liberal intellectual public sphere between 1900 and 1933.

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