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  • Heinrich Heine – Deutschland

    Ein Wintermรคrchen

    Im traurigen Monat November war’s,
    Die Tage wurden trรผber,
    Der Wind riรŸ von den Bรคumen das Laub,
    Da reist ich nach Deutschland hinรผber.

    Und als ich an die Grenze kam,
    Da fรผhlt ich ein stรคrkeres Klopfen
    In meiner Brust, ich glaube sogar
    Die Augen begannen zu tropfen.

    Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
    Da ward mir seltsam zumute;
    Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
    Recht angenehm verblute.

    Ein kleines Harfenmรคdchen sang.
    Sie sang mit wahrem Gefรผhle
    Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
    Gerรผhret von ihrem Spiele.

    Sie sang von Liebe und Liebesgram,
    Aufopfrung und Wiederfinden
    Dort oben, in jener besseren Welt,
    Wo alle Leiden schwinden.

    Sie sang vom irdischen Jammertal,
    Von Freuden, die bald zerronnen,
    Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
    Verklรคrt in ew’gen Wonnen.

    Sie sang das alte Entsagungslied,
    Das Eiapopeia vom Himmel,
    Womit man einlullt, wenn es greint,
    Das Volk, den groรŸen Lรผmmel.

    Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
    Ich kenn auch die Herren Verfasser;
    Ich weiรŸ, sie tranken heimlich Wein
    Und predigten รถffentlich Wasser.

    Ein neues Lied, ein besseres Lied,
    O Freunde, will ich euch dichten!
    Wir wollen hier auf Erden schon
    Das Himmelreich errichten.

    Wir wollen auf Erden glรผcklich sein,
    Und wollen nicht mehr darben;
    Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
    Was fleiรŸige Hรคnde erwarben.

    Es wรคchst hienieden Brot genug
    Fรผr alle Menschenkinder,
    Auch Rosen und Myrten, Schรถnheit und Lust,
    Und Zuckererbsen nicht minder.

    Ja, Zuckererbsen fรผr jedermann,
    Sobald die Schoten platzen!
    Den Himmel รผberlassen wir
    Den Engeln und den Spatzen.

    Und wachsen uns Flรผgel nach dem Tod,
    So wollen wir euch besuchen
    Dort oben, und wir, wir essen mit euch
    Die seligsten Torten und Kuchen.

    Ein neues Lied, ein besseres Lied!
    Es klingt wie Flรถten und Geigen!
    Das Miserere ist vorbei,
    Die Sterbeglocken schweigen.

    Die Jungfer Europa ist verlobt
    Mit dem schรถnen Geniusse
    Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
    Sie schwelgen im ersten Kusse.

    Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
    Die Ehe wird gรผltig nicht minder โ€“
    Es lebe Brรคutigam und Braut,
    Und ihre zukรผnftigen Kinder!

    Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
    Das bessere, das neue!
    In meiner Seele gehen auf
    Die Sterne der hรถchsten Weihe โ€“

    Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
    ZerflieรŸen in Flammenbรคchen โ€“
    Ich fรผhle mich wunderbar erstarkt,
    Ich kรถnnte Eichen zerbrechen!

    Seit ich auf deutsche Erde trat,
    Durchstrรถmen mich Zaubersรคfte โ€“
    Der Riese hat wieder die Mutter berรผhrt,
    Und es wuchsen ihm neu die Krรคfte.

    Wรคhrend die Kleine von Himmelslust
    Getrillert und musizieret,
    Ward von den preuรŸischen Douaniers
    Mein Koffer visitieret.

    Beschnรผffelten alles, kramten herum
    In Hemden, Hosen, Schnupftรผchern;
    Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
    Auch nach verbotenen Bรผchern.

    Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!
    Hier werdet ihr nichts entdecken!
    Die Konterbande, die mit mir reist,
    Die hab ich im Kopfe stecken.

    Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
    Als die von Brรผssel und Mecheln,
    Und pack ich einst meine Spitzen aus,
    Sie werden euch sticheln und hecheln.

    Im Kopfe trage ich Bijouterien,
    Der Zukunft Krondiamanten,
    Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
    Des groรŸen Unbekannten.

    Und viele Bรผcher trag ich im Kopf!
    Ich darf es euch versichern,
    Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
    Von konfiszierlichen Bรผchern.

    Glaubt mir, in Satans Bibliothek
    Kann es nicht schlimmere geben;
    Sie sind gefรคhrlicher noch als die
    Von Hoffmann von Fallersleben! โ€“

    Ein Passagier, der neben mir stand,
    Bemerkte, ich hรคtte
    Jetzt vor mir den preuรŸischen Zollverein,
    Die groรŸe Douanenkette.

    ยปDer Zollvereinยซ โ€“ bemerkte er โ€“
    ยปWird unser Volkstum begrรผnden,
    Er wird das zersplitterte Vaterland
    Zu einem Ganzen verbinden.

    Er gibt die รคuรŸere Einheit uns,
    Die sogenannt materielle;
    Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
    Die wahrhaft ideelle โ€“

    Sie gibt die innere Einheit uns,
    Die Einheit im Denken und Sinnen;
    Ein einiges Deutschland tut uns not,
    Einig nach auรŸen und innen.ยซ

    Zu Aachen, im alten Dome, liegt
    Carolus Magnus begraben.
    (Man muรŸ ihn nicht verwechseln mit Karl
    Mayer, der lebt in Schwaben.)

    Ich mรถchte nicht tot und begraben sein
    Als Kaiser zu Aachen im Dome;
    Weit lieber lebt’ ich als kleinster Poet
    Zu Stukkert am Neckarstrome.

    Zu Aachen langweilen sich auf der StraรŸ’
    Die Hunde, sie flehn untertรคnig:
    ยปGib uns einen FuรŸtritt, o Fremdling, das wird
    Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.ยซ

    Ich bin in diesem langweil’gen Nest
    Ein Stรผndchen herumgeschlendert.
    Sah wieder preuรŸisches Militรคr,
    Hat sich nicht sehr verรคndert.

    Es sind die grauen Mรคntel noch
    Mit dem hohen, roten Kragen โ€“
    (Das Rot bedeutet Franzosenblut,
    Sang Kรถrner in frรผheren Tagen.)

    Noch immer das hรถlzern pedantische Volk,
    Noch immer ein rechter Winkel
    In jeder Bewegung, und im Gesicht
    Der eingefrorene Dรผnkel.

    Sie stelzen noch immer so steif herum,
    So kerzengerade geschniegelt,
    Als hรคtten sie verschluckt den Stock,
    Womit man sie einst geprรผgelt.

    Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
    Sie tragen sie jetzt im Innern;
    Das trauliche Du wird immer noch
    An das alte Er erinnere.

    Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
    Des Zopftums neuere Phase:
    Der Zopf, der ehmals hinten hing,
    Der hรคngt jetzt unter der Nase.

    Nicht รผbel gefiel mir das neue Kostรผm
    Der Reuter, das muรŸ ich loben,
    Besonders die Pickelhaube, den Helm
    Mit der stรคhlernen Spitze nach oben.

    Das ist so rittertรผmlich und mahnt
    An der Vorzeit holde Romantik,
    An die Burgfrau Johanna von Montfaucon,
    An den Freiherrn Fouquรฉ, Uhland, Tieck.

    Das mahnt an das Mittelalter so schรถn,
    An Edelknechte und Knappen,
    Die in dem Herzen getragen die Treu
    Und auf dem Hintern ein Wappen.

    Das mahnt an Kreuzzug und Turnei,
    An Minne und frommes Dienen,
    An die ungedruckte Glaubenszeit,
    Wo noch keine Zeitung erschienen.

    Ja, ja, der Helm gefรคllt mir, er zeugt
    Vom allerhรถchsten Witze!
    Ein kรถniglicher Einfall war’s!
    Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!

    Nur fรผrcht ich, wenn ein Gewitter entsteht,
    Zieht leicht so eine Spitze
    Herab auf euer romantisches Haupt
    Des Himmels modernste Blitze! โ€“ โ€“

    Zu Aachen, auf dem Posthausschild,
    Sah ich den Vogel wieder,
    Der mir so tief verhaรŸt! Voll Gift
    Schaute er auf mich nieder.

    Du hรครŸlicher Vogel, wirst du einst
    Mir in die Hรคnde fallen;
    So rupfe ich dir die Federn aus
    Und hacke dir ab die Krallen.

    Du sollst mir dann, in luft’ger Hรถh’,
    Auf einer Stange sitzen,
    Und ich rufe zum lustigen SchieรŸen herbei
    Die rheinischen Vogelschรผtzen.

    Wer mir den Vogel herunterschieรŸt,
    Mit Zepter und Krone belehn ich
    Den wackern Mann! Wir blasen Tusch
    Und rufen: ยปEs lebe der Kรถnig!ยซ

    Zu Kรถllen kam ich spรคtabends an,
    Da hรถrte ich rauschen den RheinfluรŸ,
    Da fรคchelte mich schon deutsche Luft,
    Da fรผhlt ich ihren EinfluรŸ –

    Auf meinen Appetit. Ich aรŸ
    Dort Eierkuchen mit Schinken,
    Und da er sehr gesalzen war,
    MuรŸt ich auch Rheinwein trinken.

    Der Rheinwein glรคnzt noch immer wie Gold
    Im grรผnen Rรถmerglase,
    Und trinkst du etwelche Schoppen zuviel,
    So steigt er dir in die Nase.

    In die Nase steigt ein Prickeln so sรผรŸ,
    Man kann sich vor Wonne nicht lassen!
    Es trieb mich hinaus in die dรคmmernde Nacht,
    In die widerhallenden Gassen.

    Die steinernen Hรคuser schauten mich an,
    Als wollten sie mir berichten
    Legenden aus altverschollener Zeit,
    Der heil’gen Stadt Kรถllen Geschichten.

    Ja, hier hat einst die Klerisei
    Ihr frommes Wesen getrieben,
    Hier haben die Dunkelmรคnner geherrscht,
    Die Ulrich von Hutten beschrieben.

    Der Cancan des Mittelalters ward hier
    Getanzt von Nonnen und Mรถnchen;
    Hier schrieb Hochstraaten, der Menzel von Kรถln,
    Die gift’gen Denunziatiรถnchen.

    Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
    Bรผcher und Menschen verschlungen;
    Die Glocken wurden gelรคutet dabei
    Und Kyrie eleison gesungen.

    Dummheit und Bosheit buhlten hier
    Gleich Hunden auf freier Gasse;
    Die Enkelbrut erkennt man noch heut
    An ihrem Glaubenshasse. โ€“

    Doch siehe! dort im Mondenschein
    Den kolossalen Gesellen!
    Er ragt verteufelt schwarz empor,
    Das ist der Dom von Kรถllen.

    Er sollte des Geistes Bastille sein,
    Und die listigen Rรถmlinge dachten:
    In diesem Riesenkerker wird
    Die deutsche Vernunft verschmachten!

    Da kam der Luther, und er hat
    Sein groรŸes ยปHalt!ยซ gesprochen โ€“
    Seit jenem Tage blieb der Bau
    Des Domes unterbrochen.

    Er ward nicht vollendet โ€“ und das ist gut.
    Denn eben die Nichtvollendung
    Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft
    Und protestantischer Sendung.

    Ihr armen Schelme vom Domverein,
    Ihr wollt mit schwachen Hรคnden
    Fortsetzen das unterbrochene Werk,
    Und die alte Zwingburg vollenden!

    O tรถrichter Wahn! Vergebens wird
    Geschรผttelt der Klingelbeutel,
    Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;
    Ist alles fruchtlos und eitel.

    Vergebens wird der groรŸe Franz Liszt
    Zum Besten des Doms musizieren,
    Und ein talentvoller Kรถnig wird
    Vergebens deklamieren!

    Er wird nicht vollendet, der Kรถlner Dom,
    Obgleich die Narren in Schwaben
    Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
    Voll Steine gesendet haben.

    Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
    Der Raben und der Eulen,
    Die, altertรผmlich gesinnt, so gern
    In hohen Kirchtรผrmen weilen.

    Ja, kommen wird die Zeit sogar,
    Wo man, statt ihn zu vollenden,
    Die inneren Rรคume zu einem Stall
    Fรผr Pferde wird verwenden.

    ยปUnd wird der Dom ein Pferdestall,
    Was sollen wir dann beginnen
    Mit den Heil’gen Drei Kรถn’gen, die da ruhn
    Im Tabernakel da drinnen?ยซ

    So hรถre ich fragen. Doch brauchen wir uns
    In unserer Zeit zu genieren?
    Die Heil’gen Drei Kรถn’ge aus Morgenland,
    Sie kรถnnen woanders logieren.

    Folgt meinem Rat und steckt sie hinein
    In jene drei Kรถrbe von Eisen,
    Die hoch zu Mรผnster hรคngen am Turm,
    Der Sankt Lamberti geheiรŸen.

    Der Schneiderkรถnig saรŸ darin
    Mit seinen beiden Rรคten,
    Wir aber benutzen die Kรถrbe jetzt
    Fรผr andre Majestรคten.

    Zur Rechten soll Herr Balthasar,
    Zur Linken Herr Melchior schweben,
    In der Mitte Herr Gaspar โ€“ Gott weiรŸ, wie einst
    Die drei gehaust im Leben!

    Die Heil’ge Allianz des Morgenlands,
    Die jetzt kanonisieret,
    Sie hat vielleicht nicht immer schรถn
    Und fromm sich aufgefรผhret.

    Der Balthasar und der Melchior,
    Das waren vielleicht zwei Gรคuche,
    Die in der Not eine Konstitution
    Versprochen ihrem Reiche,

    Und spรคter nicht Wort gehalten โ€“ Es hat
    Herr Gaspar, der Kรถnig der Mohren,
    Vielleicht mit schwarzem Undank sogar
    Belohnt sein Volk, die Toren!

    Und als ich an die Rheinbrรผck’ kam,
    Wohl an die Hafenschanze,
    Da sah ich flieรŸen den Vater Rhein
    Im stillen Mondenglanze.

    ยปSei mir gegrรผรŸt, mein Vater Rhein,
    Wie ist es dir ergangen?
    Ich habe oft an dich gedacht
    Mit Sehnsucht und Verlangen.ยซ

    So sprach ich, da hรถrt ich im Wasser tief
    Gar seltsam grรคmliche Tรถne,
    Wie Hรผsteln eines alten Manns,
    Ein Brรผmmeln und weiches Gestรถhne:

    ยปWillkommen, mein Junge, das ist mir lieb,
    DaรŸ du mich nicht vergessen;
    Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht,
    Mir ging es schlecht unterdessen.

    Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
    Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
    Doch schwerer liegen im Magen mir
    Die Verse von Niklas Becker.

    Er hat mich besungen, als ob ich noch
    Die reinste Jungfer wรคre,
    Die sich von niemand rauben lรครŸt
    Das Krรคnzlein ihrer Ehre.

    Wenn ich es hรถre, das dumme Lied,
    Dann mรถcht ich mir zerraufen
    Den weiรŸen Bart, ich mรถchte fรผrwahr
    Mich in mir selbst ersaufen!

    DaรŸ ich keine reine Jungfer bin,
    Die Franzosen wissen es besser,
    Sie haben mit meinem Wasser so oft
    Vermischt ihr Siegergewรคsser.

    Das dumme Lied und der dumme Kerl!
    Er hat mich schmรคhlich blamieret,
    GewissermaรŸen hat er mich auch
    Politisch kompromittieret.

    Denn kehren jetzt die Franzosen zurรผck,
    So muรŸ ich vor ihnen errรถten,
    Ich, der um ihre Rรผckkehr so oft
    Mit Trรคnen zum Himmel gebeten.

    Ich habe sie immer so liebgehabt,
    Die lieben kleinen Franzรถschen โ€“
    Singen und springen sie noch wie sonst?
    Tragen noch weiรŸe Hรถschen?

    Ich mรถchte sie gerne wiedersehn,
    Doch fรผrcht ich die Persiflage,
    Von wegen des verwรผnschten Lieds,
    Von wegen der Blamage.

    Der Alfred de Musset, der Gassenbub’,
    Der kommt an ihrer Spitze
    Vielleicht als Tambour, und trommelt mir vor
    All seine schlechten Witze.ยซ

    So klagte der arme Vater Rhein,
    Konnt sich nicht zufriedengeben.
    Ich sprach zu ihm manch trรถstendes Wort,
    Um ihm das Herz zu heben:

    ยปO fรผrchte nicht, mein Vater Rhein,
    Den spรถttelnden Scherz der Franzosen;
    Sie sind die alten Franzosen nicht mehr,
    Auch tragen sie andere Hosen.

    Die Hosen sind rot und nicht mehr weiรŸ,
    Sie haben auch andere Knรถpfe,
    Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr,
    Sie senken nachdenklich die Kรถpfe.

    Sie philosophieren und sprechen jetzt
    Von Kant, von Fichte und Hegel,
    Sie rauchen Tabak, sie trinken Bier,
    Und manche schieben auch Kegel.

    Sie werden Philister ganz wie wir,
    Und treiben es endlich noch รคrger;
    Sie sind keine Voltairianer mehr,
    Sie werden Hengstenberger.

    Der Alfred de Musset, das ist wahr,
    Ist noch ein Gassenjunge;
    Doch fรผrchte nichts, wir fesseln ihm
    Die schรคndliche Spรถtterzunge.

    Und trommelt er dir einen schlechten Witz,
    So pfeifen wir ihm einen schlimmern,
    Wir pfeifen ihm vor, was ihm passiert
    Bei schรถnen Frauenzimmern.

    Gib dich zufrieden, Vater Rhein,
    Denk nicht an schlechte Lieder,
    Ein besseres Lied vernimmst du bald โ€“
    Leb wohl, wir sehen uns wieder.ยซ


    Vorwort

    Das nachstehende Gedicht schrieb ich im diesjรคhrigen Monat Januar zu Paris, und die freie Luft des Ortes wehete in manche Strophe weit schรคrfer hinein, als mir eigentlich lieb war. Ich unterlieรŸ nicht, schon gleich zu mildern und auszuscheiden, was mit dem deutschen Klima unvertrรคglich schien. Nichtsdestoweniger, als ich das Manuskript im Monat Mรคrz an meinen Verleger nach Hamburg schickte, wurden mir noch mannigfache Bedenklichkeiten in Erwรคgung gestellt. Ich muรŸte mich dem fatalen Geschรคfte des Umarbeitens nochmals unterziehen, und da mag es wohl geschehen sein, daรŸ die ernsten Tรถne mehr als nรถtig abgedรคmpft oder von den Schellen des Humors gar zu heiter รผberklingelt wurden. Einigen nackten Gedanken habe ich im hastigen Unmut ihre Feigenblรคtter wieder abgerissen, und zimperlich sprรถde Ohren habe ich vielleicht verletzt. Es ist mir leid, aber ich trรถste mich mit dem BewuรŸtsein, daรŸ grรถรŸere Autoren sich รคhnliche Vergehen zuschulden kommen lieรŸen. Des Aristophanes will ich zu solcher Beschรถnigung gar nicht erwรคhnen, denn der war ein blinder Heide, und sein Publikum zu Athen hatte zwar eine klassische Erziehung genossen, wuรŸte aber wenig von Sittlichkeit. Auf Cervantes und Moliรจre kรถnnte ich mich schon viel besser berufen; und ersterer schrieb fรผr den hohen Adel beider Kastilien, letzterer fรผr den groรŸen Kรถnig und den groรŸen Hof von Versailles! Ach, ich vergesse, daรŸ wir in einer sehr bรผrgerlichen Zeit leben, und ich sehe leider voraus, daรŸ viele Tรถchter gebildeter Stรคnde an der Spree, wo nicht gar an der Alster, รผber mein armes Gedicht die mehr oder minder gebogenen Nรคschen rรผmpfen werden! Was ich aber mit noch grรถรŸerem Leidwesen voraussehe, das ist das Zetern jener Pharisรคer der Nationalitรคt, die jetzt mit den Antipathien der Regierungen Hand in Hand gehen, auch die volle Liebe und Hochachtung der Zensur genieรŸen und in der Tagespresse den Ton angeben kรถnnen, wo es gilt, jene Gegner zu befehden, die auch zugleich die Gegner ihrer allerhรถchsten Herrschaften sind. Wir sind im Herzen gewappnet gegen das MiรŸfallen dieser heldenmรผtigen Lakaien in schwarzrotgoldner Livree. Ich hรถre schon ihre Bierstimmen: ยปDu lรคsterst sogar unsere Farben, Verรคchter des Vaterlands, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein abtreten willst!ยซ Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine mรผรŸige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Hรถhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut fรผr sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exile verlebt, und wegen ebendieser Liebe kehre ich wieder zurรผck ins Exil, vielleicht fรผr immer, jedenfalls ohne zu flennen oder eine schiefmรคulige Duldergrimasse zu schneiden. Ich bin der Freund der Franzosen, wie ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernรผnftig und gut sind, und weil ich selber nicht so dumm oder so schlecht bin, als daรŸ ich wรผnschen sollte, daรŸ meine Deutschen und die Franzosen, die beiden auserwรคhlten Vรถlker der Humanitรคt, sich die Hรคlse brรคchen zum Besten von England und RuรŸland und zur Schadenfreude aller Junker und Pfaffen dieses Erdballs. Seid ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde: weil mir der Rhein gehรถrt. Ja, mir gehรถrt er, durch unverรคuรŸerliches Geburtsrecht, ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn, an seinem Ufer stand meine Wiege, und ich sehe gar nicht ein, warum der Rhein irgendeinem andern gehรถren soll als den Landeskindern. ElsaรŸ und Lothringen kann ich freilich dem deutschen Reiche nicht so leicht einverleiben, wie ihr es tut, denn die Leute in jenen Landen hรคngen fest an Frankreich wegen der Rechte, die sie durch die franzรถsische Staatsumwรคlzung gewonnen, wegen jener Gleichheitsgesetze und freien Institutionen, die dem bรผrgerlichen Gemรผte sehr angenehm sind, aber dem Magen der groรŸen Menge dennoch vieles zu wรผnschen รผbriglassen. Indessen, die Elsasser und Lothringer werden sich wieder an Deutschland anschlieรŸen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen begonnen haben, wenn wir diese รผberflรผgeln in der Tat, wie wir es schon getan im Gedanken, wenn wir uns bis zu den letzten Folgerungen desselben emporschwingen, wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihrem letzten Schlupfwinkel, dem Himmel, zerstรถren, wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlรถser Gottes werden, wenn wir das arme, glรผckenterbte Volk und den verhรถhnten Genius und die geschรคndete Schรถnheit wieder in ihre Wรผrde einsetzen, wie unsere groรŸen Meister gesagt und gesungen und wie wir es wollen, wir, die Jรผnger โ€“ ja, nicht bloรŸ ElsaรŸ und Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen, ganz Europa, die ganze Welt โ€“ die ganze Welt wird deutsch werden! Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands trรคume ich oft, wenn ich unter Eichen wandle. Das ist mein Patriotismus.

    Ich werde in einem nรคchsten Buche auf dieses Thema zurรผckkommen, mit letzter Entschlossenheit, mit strenger Rรผcksichtslosigkeit, jedenfalls mit Loyalitรคt. Den entschiedensten Widerspruch werde ich zu achten wissen, wenn er aus einer รœberzeugung hervorgeht. Selbst der rohesten Feindseligkeit will ich alsdann geduldig verzeihen; ich will sogar der Dummheit Rede stehen, wenn sie nur ehrlich gemeint ist. Meine ganze schweigende Verachtung widme ich hingegen dem gesinnungslosen Wichte, der aus leidiger Scheelsucht oder unsauberer Privatgiftigkeit meinen guten Leumund in der รถffentlichen Meinung herabzuwรผrdigen sucht und dabei die Maske des Patriotismus, wo nicht gar die der Religion und der Moral, benutzt. Der anarchische Zustand der deutschen politischen und literarischen Zeitungsblรคtterwelt ward in solcher Beziehung zuweilen mit einem Talente ausgebeutet, das ich schier bewundern muรŸte. Wahrhaftig, Schufterle ist nicht tot, er lebt noch immer und steht seit Jahren an der Spitze einer wohlorganisierten Bande von literarischen Strauchdieben, die in den bรถhmischen Wรคldern unserer Tagespresse ihr Wesen treiben, hinter jedem Busch, hinter jedem Blatt versteckt liegen und dem leisesten Pfiff ihres wรผrdigen Hauptmanns gehorchen.

    Noch ein Wort. Das ยปWintermรคrchenยซ bildet den SchluรŸ der ยปNeuen Gedichteยซ, die in diesem Augenblick bei Hoffmann und Campe erscheinen. Um den Einzeldruck veranstalten zu kรถnnen, muรŸte mein Verleger das Gedicht den รผberwachenden Behรถrden zu besonderer Sorgfalt รผberliefern, und neue Varianten und Ausmerzungen sind das Ergebnis dieser hรถheren Kritik.

    Hamburg, den 17. September 1844

    Heinrich Heine

  • Die Kunst der Buchbinderei in Nizza

    Das Atelier RAISE in Nizza, gefรผhrt von dem Experten Vincent Bottasso-Daideri, widmet sich der professionellen Buchbinderei und der Restaurierung historischer sowie moderner Werke. Die Quellen beschreiben ein breites Spektrum an Dienstleistungen, das von handwerklichen Fachkursen bis hin zur Gestaltung luxuriรถser Kรผnstlereditionen und humorvoller Kunstprojekte wie dem โ€žPass des Rosa Katzen-Landesโ€œ reicht. Bottasso-Daideri ist zudem in der regionalen Kulturszene tief verwurzelt, unter anderem als Generalsekretรคr der Freunde des Kunstmuseums von Nizza und durch Kooperationen mit lokalen Kรผnstlern wie Gรฉrard Serรฉe. Historische Rรผckblicke beleuchten die lange Tradition des Buchbinderhandwerks in der Region, wรคhrend technische Erklรคrungen Einblicke in anspruchsvolle Verfahren wie die Vergoldung oder die Mosaik-Bindung geben. Das Atelier versteht sich somit als ein Zentrum fรผr die Bewahrung des schriftlichen Kulturerbes und die Fรถrderung zeitgenรถssischer Buchkunst.

    Kunst und Buch
    Buchbinder Nizza
    Kunst und Buch

    by Klaus Kampe

  • Podcast on the book โ€œGerman Emigrants”

    This theme documents three centuries of German emigration. Letters and diaries bring to life stories of people fleeing religious persecution, hunger, and the pursuit of freedom. The journey takes us from war-torn Europe to America and the Volga River.

    Deutsche Auswanderer, Schicksale รผber 3 Jahrhunderte

    by Klaus Kampe

  • รœber die Romantik

    Hier ein begleitendes Wort zum neuen Buch โ€žZwischen Sehnsucht und Machtโ€œ โ€“ Wie Romantik und Idealismus die deutsche Geschichte prรคgten von Klaus Kampe. Es geht um eine Warnung vor den Auswรผchsen von Idealismus und Romantik in der heutigen Zeit. Das Buch stรผtzt sich auf historische und philosophische Analysen, die zeigen, wie die Sehnsucht nach einer โ€žhรถheren Ordnungโ€œ oder โ€žWiederverzauberungโ€œ der Welt in gefรคhrliche Irrationalitรคt oder Totalitarismus umschlagen kann.

    Hier ist ein Entwurf:

    Die Geschichte der deutschen Romantik lehrt uns, dass der Versuch, die Welt durch reine Poesie oder Idealismus zu heilen, oft mit einer gefรคhrlichen Realitรคtsferne einhergeht. Wenn das โ€žromantische Subjektโ€œ die Welt nur noch als Anlass fรผr seine eigene Produktivitรคt und Stimmung nutzt, droht eine politische Handlungsunfรคhigkeit oder eine bloรŸe Simulation von Wirksamkeit.

    Besonders im Kontext moderner GroรŸprojekte wie dem Green Deal oder radikaler Umweltbewegungen besteht die Gefahr, dass die Vernunft in Unvernunft und Aufklรคrung in einen neuen Mythos umschlรคgt. Adorno und Horkheimer warnten in ihrer โ€žDialektik der Aufklรคrungโ€œ bereits davor, dass eine total verwaltete Welt keine wahre Freiheit schafft, sondern neue Formen der Unterwerfung, in denen der Einzelne zugunsten einer vermeintlich hรถheren kollektiven Notwendigkeit nichts mehr zรคhlt.

    Kritische Punkte der Warnung:

    โ€ข Der รคsthetische Aristokratismus: Idealisten neigen dazu, ihre Visionen รผber die profanen Bedรผrfnisse der โ€žMasseโ€œ zu stellen, was zu einer Entfremdung von der sozialen Realitรคt fรผhrt.

    โ€ข Die โ€žstรคhlerne Romantikโ€œ der Planung: Carl Schmitt warnte vor den Paradiesen einer durchgeplanten Welt, die durch entfesselte Produktivkraft eine โ€žSozialschrankeโ€œ errichtet, die den Menschen nicht mehr erkennt, sondern ihn gewaltsam verรคndern will.

    โ€ข Verlust der Dezision (Entscheidungsfรคhigkeit): Romantiker verweilen oft im รคsthetischen โ€žMรผรŸiggangโ€œ und scheitern an der Notwendigkeit klarer politischer Unterscheidungen, was sie anfรคllig fรผr die Instrumentalisierung durch fremde Mรคchte macht.

    โ€ข Der โ€žKrankheitskeimโ€œ im Ideal: Wie Thomas Mann 1945 ausfรผhrte, trรคgt die Romantik oft einen Keim in sich, der die Hingabe an das Irrationale und eine weltfremde Tiefe รผber die demokratische Nรผchternheit stellt.

    Man muss daher wachsam gegenรผber Bewegungen sein, die das Politische in โ€žRausch und Mysteriumโ€œ zurรผckverwandeln wollen. Eine Politik, die nur noch auf Gefรผhl, Erweckung und utopischem Schein basiert, verliert den Boden der rechtlichen und rationalen Normen und bereitet so den Weg fรผr eine neue Barbarei.

    Es gilt, die Romantik als Korrektiv der Moderne zu nutzen, ohne sie zur Staatsideologie zu erheben, da sie sonst unweigerlich in der Katastrophe endet.

    by Klaus Kampe

  • Abdruck aus “Zukunft erfinden”

    WIE MACHT, GELD UND LOBBYISMUS DEN FORTSCHRITT BREMSTEN โ€“ UND WIE WIR ES ร„NDERN Kร–NNEN, ein Buch von Klaus Kampe

    EINLEITUNG
    Fortschritt ist eine der mรคchtigsten Triebkrรคfte in der Geschichte der Menschheit. Seit dem ersten gezรคhmten Feuer, dem Rad, der Dampfmaschine und der Elektrizitรคt war die technische Entwicklung stets eng mit dem Wunsch nach Freiheit, Bequemlichkeit und รœberwindung der Grenzen des Mรถglichen verbunden. Doch dieser Fortschritt verlief nie linear. Immer wieder wurde er gebremst, umgelenkt oder gar ganz gestoppt โ€“ nicht etwa, weil die Ideen unbrauchbar waren, sondern weil sie zu gut, zu gefรคhrlich oder schlicht zu unprofitabel fรผr bestehende Machtstrukturen waren.

    Das 20. und 21. Jahrhundert sind in besonderem MaรŸe Zeugen dieses paradoxen Verhรคltnisses zwischen Innovation und Behinderung geworden. Auf der einen Seite erleben wir eine explosionsartige Entwicklung neuer Technologien, von kuฬˆnstlicher Intelligenz bis hin zur Gentechnik. Auf der anderen Seite offenbart sich eine Schattenseite: wirtschaftliche und politische
    Interessengruppen, die den Fortschritt dort aufhalten, wo er bestehende Monopole, Mรคrkte oder Machtgefuฬˆge bedroht. Die Geschichte des modernen Kapitalismus ist damit zugleich eine Geschichte der verhinderten Erfindungen โ€“ eine Chronik des stillen Kampfes zwischen kreativen Geistern und den Architekten der wirtschaftlichen Kontrolle.

    DIE DIALEKTIK DES FORTSCHRITTS
    Der Mythos vom genialen Erfinder, der mit einer bahnbrechenden Idee die Welt verรคndert, prรคgt bis heute unser Bild der Innovation. Doch die Realitรคt zeigt, dass der Weg von der Idee zur Umsetzung selten nur von wissenschaftlicher Leistung abhรคngt. Oft sind es wirtschaftliche Interessen, juristische Huฬˆrden oder gezielte โ€žDesinformationskampagnenโ€œ , die bestimmen, welche Technologie sich durchsetzt und welche in Vergessenheit gerรคt. Ein prรคgnantes Beispiel hierfuฬˆr ist der Konflikt zwischen Nikola Tesla und Thomas Edison. Teslas Konzept des Wechselstroms war technisch uฬˆberlegen, effizienter und sicherer โ€“ doch Edison, unterstuฬˆtzt von Investoren und industriellen Partnern, fuฬˆhrte einen beispiellosen Propagandafeldzug gegen den Wechselstrom. Teslas Ideen von drahtloser Energieuฬˆbertragung, globaler Kommunikation und nahezu unbegrenzter Energieversorgung galten als revolutionรคr โ€“ und zugleich als Bedrohung fuฬˆr jene, die an der zentralisierten Stromversorgung verdienten. Der โ€žKrieg der Strรถmeโ€œ wurde letztlich nicht nur mit wissenschaftlichen Argumenten, sondern mit wirtschaftlicher Macht entschieden. Dieser Konflikt steht stellvertretend fuฬˆr ein wiederkehrendes Muster in der Geschichte der Technik: Fortschritt wird nicht allein an seiner Nuฬˆtzlichkeit gemessen, sondern an seiner Vereinbarkeit mit den Interessen derjenigen, die uฬˆber Kapital und politische Einflussmรถglichkeiten verfuฬˆgen. Eine bahnbrechende Idee kann zur Weltverรคnderung fuฬˆhren โ€“ oder in einer Schublade verschwinden, wenn sie bestehende Strukturen infrage stellt.

    Inhaltsverzeichnis:

    • Die Dialektik des Fortschritts
    • Das Prinzip der strukturellen Innovationshemmung
    • Beispiele eines unterdruฬˆckten Fortschritts
    • Die ethische Dimension des Fortschritts
      Teil I โ€“ Die fruฬˆhen Fรคlle des technischen Lobbyismus
      Kapitel 1: Nikola Tesla und der Kampf um den Strom
    • 1.1 Ein Erfinder zwischen Genie und System
    • 1.2 Der Krieg der Strรถme: Gleichstrom gegen
      Wechselstrom
    • 1.3 Der Traum der freien Energie
    • 1.4 Die Manipulation der รถffentlichen Meinung
    • 1.5 Die Lehre aus Teslas Scheitern
    • 1.6 Parallelen zur Gegenwart
    • 1.7 Fazit: Der Sieg der Macht uฬˆber die Vernunft
      Kapitel 2: Die Gluฬˆhbirne und das Kartell der Lichtindustrie
    • 2.1 Der Beginn eines neuen Zeitalters
    • 2.2 Wer hat die Gluฬˆhbirne erfunden?
    • 2.3 Das Phoebus-Kartell โ€“ Der Beginn geplanter
      Obsoleszenz
    • 2.4 Wirtschaftliche Motive und gesellschaftliche Folgen
    • 2.5 Patentrecht als Machtinstrument
    • 2.6 Geplante Obsoleszenz als รถkonomisches Prinzip
    • 2.7 Der lange Schatten des Kartells
    • 2.8 Lehren fuฬˆr Gegenwart und Zukunft
    • 2.9 Fazit: Zwischen Innovation und Kontrolle
      Kapitel 3: Der unterdruฬˆckte Fortschritt im Automobilbau:
      Vom Elektroauto zum Verbrenner
    • 3.1 Die Anfรคnge: Elektromobilitรคt im 19. Jahrhundert
    • 3.2 Der Aufstieg des Verbrennungsmotors
    • 3.3 Energie, Macht und Monopol
    • 3.4 Der โ€žGreat American Streetcar Scandalโ€œ
    • 3.5 Vergessene Innovationen und unterdruฬˆckte Patente
    • 3.6 Der Fall GM EV1 โ€“ Eine moderne Wiederholung
    • 3.7 Die Rolle der Politik und der Konsument
    • 3.8 Wandel im 21. Jahrhundert: Ein verspรคtetes Comeback
    • 3.9 Fazit: Fortschritt im Kreis
      Kapitel 4: Pharmaindustrie und die Blockade alternativer
      Heilmethoden
    • 4.1 Medizin zwischen Fortschritt und Marktlogik
    • 4.2 Die Logik der Patente โ€“ Schutz und Barriere zugleich
    • 4.3 Innovation im Schatten der Profitlogik
    • 4.4 Der Fall der HIV-Medikamente โ€“ Patente gegen
      Menschenrechte
    • 4.5 COVID-19 und die Debatte um Impfstofflizenzen
    • 4.6 Alternative und komplementรคre Heilmethoden โ€“
      zwischen Forschung und Regulierung
    • 4.7 Lobbyismus und Einflussnahme
    • 4.8 Wege zu einer gerechteren Arzneimittelinnovation
    • 4.9 Fazit: Medizin als Gemeingut
      Kapitel 5: Agrarwirtschaft und die Kontrolle uฬˆber Saatgut
    • 5.1 Nahrung als Machtfaktor
    • 5.2 Die Entstehung des industriellen Saatgutmarktes
    • 5.3 Marktkonzentration und die โ€žBig Fourโ€œ
    • 5.4 Der Fall Monsanto โ€“ Kontrolle durch Patente
    • 5.5 Auswirkungen auf Biodiversitรคt und
      Ernรคhrungssouverรคnitรคt
    • 5.6 Wissenschaftliche Innovation oder รถkonomische
      Kontrolle?
    • 5.7 Politische Einflussnahme und Agrarlobbyismus
    • 5.8 Wege zu einer nachhaltigen und gerechten Agrarpolitik
    • 5.9 Fazit: Das Saatgut der Zukunft gehรถrt allen
      Kapitel 6: Digitale Monopole und Informationskontrolle
    • 6.1 Vom Industriezeitalter zum Datenzeitalter
    • 6.2 Die Entstehung digitaler Monopole
    • 6.3 Patente, Urheberrecht und geistiges Eigentum im
      Digitalzeitalter
    • 6.4 Daten als Eigentum โ€“ oder als Gemeingut?
    • 6.5 Politische Einflussnahme der Tech-Konzerne
    • 6.6 Die neue Form des Lobbyismus:
      Informationsgestaltung
    • 6.7 Der Kampf um digitale Souverรคnitรคt
    • 6.8 Offene Technologien und Gemeinguฬˆter
    • 6.9 Fazit: Freiheit im Zeitalter der Datenรถkonomie
      Teil III: Zukunftsperspektiven: Wie sich Innovationsblockaden
      verhindern lassen
    • 7.1 Innovation als gesellschaftliche Verantwortung
    • 7.2 Das Dilemma des modernen Patentrechts
    • 7.3 Neue Eigentumsmodelle fuฬˆr Wissen und Technologie
    • 7.4 Transparente Wissenschaft und demokratische
      Kontrolle
    • 7.5 Bildung und Aufklรคrung als Schluฬˆssel
    • 7.6 Internationale Kooperation und globale Gerechtigkeit
    • 7.7 Ethik und Verantwortung im Zeitalter der KI
    • 7.8 Wirtschaft im Dienst des Gemeinwohls
    • 7.9 Fazit: Eine offene Zukunft
      Kapitel 8: Medien, Zensur und Informationskriege: Wie
      Meinung zur Ware wurde
    • 8.1 Die Macht uฬˆber die Erzรคhlung
    • 8.2 Medien als Instrument wirtschaftlicher Interessen
    • 8.3 PR, Propaganda und die Erfindung des โ€žPublic
      Relationsโ€œ-Zeitalters
    • 8.4 Zensur durch Struktur: Wie Kontrolle ohne Verbot
      funktioniert
    • 8.5 Fallbeispiel: Medienkampagnen gegen unbequeme
      Wissenschaft
    • 8.6 Digitale Meinungsmacht: Social Media und Filterblasen
    • 8.7 Einfluss von Lobbyorganisationen und Thinktanks
    • 8.8 Informationskriege im 21. Jahrhundert
    • 8.9 Wege zu freier Information und Medienethik
    • 8.10 Fazit: Wahrheit als Gemeingut
      Kapitel 9: Wirtschaft und Ethik: Macht, Moral und
      Verantwortung
    • 9.1 Von der freien Information zur ethischen ร–konomie
    • 9.2 Der unsichtbare Vertrag
    • 9.3 Die Moral des Marktes
    • 9.4 Die Trennung von ร–konomie und Moral
    • 9.5 Verantwortung ohne Gesicht
    • 9.6 Die Ethik der Effizienz
    • 9.7 Korporative Ethik โ€“ PR oder Prinzip?
    • 9.8 Die Macht der Lobby
    • 9.9 Der moralische Imperativ der Wirtschaft
    • 9.10 Die Ruฬˆckkehr des Gewissens
    • 9.11 Macht, die sich selbst begrenzt
    • 9.12 Der neue Humanismus
    • 9.13 Die Wuฬˆrde der Grenze
      Teil IV โ€“ Wege in eine offene Innovationskultur
      Kapitel 10: Kapitel 10 โ€“ Wege in die Zukunft: Innovation und
      Freiheit
    • 10.1 Der Mensch als Schรถpfer
    • 10.2 Die Wiederentdeckung des Gemeinwohls
    • 10.3 Bildung als Quelle der Freiheit
    • 10.4 Wissenschaft im Dienst der Menschheit
    • 10.5 Der digitale Humanismus
    • 10.6 Nachhaltigkeit als Systemprinzip
    • 10.7 Politik und die Macht des Mutigen
    • 10.8 Wirtschaft als Partner, nicht als Herr
    • 10.9 Der neue Gesellschaftsvertrag
    • 10.10 Innovation als moralische Aufgabe
    • 10.11 Hoffnung als Erfindung
      Kapitel 11: Reform des Patentrechts: Wissen als Gemeingut
    • 11.1 Das Dilemma des geistigen Eigentums
    • 11.2 Verkuฬˆrzung der Patentlaufzeiten
    • 11.3 Gemeinwohlorientierte Lizenzen
    • 11.4 Staatliche Fรถrderung offener Innovation
    • 11.5 Das Wissen der Zukunft
      Kapitel 12: Bildung, Transparenz und digitale Aufklรคrung
    • 12.1 Bildung als Fundament der Freiheit
    • 12.2 Wissenschaft als รถffentliches Gut
    • 12.3 Transparenzplattformen und Buฬˆrgerbeteiligung
    • 12.4 Ethik des Fortschritts: Verantwortung fuฬˆr Mensch und
      Planet
    • 12.5 Bildung als kollektives Bewusstsein
    • 12.6 Die Zukunft der Aufklรคrung
      Schlusswort โ€“ Der Mut zur Zukunft
    • Der Preis des Wandels
    • Warum Innovation Mut braucht
    • Eine Vision fuฬˆr eine gerechtere Zukunft
    • Appell an Politik, Forschung und Gesellschaft
    • Der Kreis schlieรŸt sich
    • Anhang
  • Excerpt from โ€œGerman Exiles on the Cรดte dโ€™Azurโ€

    A journey through the 1930s by Klaus Kampe

    HISTORICAL CONTEXT AND EXILE IN SOUTHERN FRANCE

    When the National Socialists seized power in Germany in January 1933, a period of persecution and loss began for many writers, artists, and intellectuals. Theaters were closed, editorial offices purged, books burned. Those who remained risked being banned from their professions, imprisonment, or worse. Those who left had to find a new world. Countless Germans set out on their journey โ€“ with suitcases full of manuscripts, sketches, or simply hope.

    The south of France, the Cรดte d’Azur, became a lifeline for many of them. The light, the vastness of the sea, the olive groves, and pine-covered hills gave the refugees a sense of freedom. The region was also convenient in practical terms: the cost of living was lower than in Paris, and Marseille offered the opportunity to travel further afield if the situation became uncertain. Artists and writers had already discovered the coast, and so in the 1930s it seemed like an old acquaintance that was now showing a new face โ€“ that of exile.

    During these years, the great names of German culture gathered here: Thomas Mann wrote in the guesthouses along the coast, while his brother Heinrich lived with Nelly Krรถger in Nice. Lion Feuchtwanger created an intellectual hub in his villa in Sanary-sur-Mer, frequented by Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, and many others. Bertolt Brecht wandered restlessly through the south of France, always searching for a place where work and security coincided. Painters such as Walter Bondy and writers such as Annette Kolb further shaped the atmosphere.

    Two places in particular became symbols of this exile: Nice, with its cosmopolitan vibrancy and boulevards where languages and cultures mingled; and Sanary-sur-Mer, a small fishing village whose harbor became the stage for a world in upheaval. There, between simple fishing boats and the facades of white houses, a close-knit community of exiles emerged, trying to preserve their language, their art, and their hope in the shadow of the looming dictatorship.

    Thus, on the Cรดte d’Azur, the beauty of the landscape was combined with the urgency of survivalโ€”leaving traces that are still visible today.


    TABLE OF CONTENTS

    Introduction

    Varian Fry โ€“ From Berlin to Marseille

    Historical Context and Exile in Southern France

    Exiles in Nice โ€“ The City of Refuge

    Sanary-sur-Mer โ€“ The German Village

    Famous Personalities in Exile

    The Portraits โ€“ Faces of a Lost World

    Marta and Lion Feuchtwanger

    Meeting at the Cafรฉ du Lyon

    Max Colpet

    Thomas Mann and the Art of Exile Salons

    Voices in Exile

    Art, Literature, and the Struggle for Freedom of Speech

    Encounters and Communities

    Threats, Internment, and Escape

    Places of Residence Today – Discovering Historical Sites

    Comparison of Historical Photographs

    Links to Photos and Places

    Image Sources

    Epilogue

    Appendix


    in german:

    Abdruck aus “Deutsche Exilanten an der Cรดte d’Azur”

    Eine Reise durch die 1930er von Klaus Kampe

    HISTORISCHER KONTEXT UND EXIL IN SรœDFRANKREICH

    Als im Januar 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht รผbernahmen, begann fรผr viele Schriftsteller, Kรผnstler und Intellektuelle eine Zeit der Verfolgung und des Verlustes. Bรผhnen wurden geschlossen, Redaktionen gesรคubert, Bรผcher verbrannt. Wer blieb, riskierte Berufsverbot, Haft oder Schlimmeres. Wer ging, musste sich eine neue Welt suchen. So setzten sich unzรคhlige Deutsche in Bewegung โ€“ mit Koffern voller Manuskripte, Skizzen oder einfach nur Hoffnung.

    Der Sรผden Frankreichs, die Cรดte dโ€™Azur, wurde fรผr viele von ihnen zum Rettungsanker. Das Licht, die Weite des Meeres, die Olivenhaine und Pinienhรผgel gaben den Flรผchtenden eine Ahnung von Freiheit. Auch praktisch war die Region gรผnstig: Die Lebenshaltungskosten waren niedriger als in Paris, und von Marseille aus bot sich die Mรถglichkeit, weiterzureisen, falls die Lage unsicher wurde. Schon zuvor hatten Kรผnstler und Literaten die Kรผste entdeckt, und so wirkte sie in den 1930er Jahren wie eine alte Bekannte, die nun ein neues Gesicht zeigte โ€“ die eines Exils.

    In diesen Jahren trafen hier die groรŸen Namen der deutschen Kultur zusammen: Thomas Mann schrieb in den Pensionen der Kรผste, sein Bruder Heinrich lebte mit Nelly Krรถger in Nizza. Lion Feuchtwanger schuf in seiner Villa in Sanary-sur-Mer einen geistigen Mittelpunkt, an dem Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel und viele andere verkehrten. Bertolt Brecht zog unstet durch Sรผdfrankreich, stets auf der Suche nach einem Ort, an dem Arbeit und Sicherheit zusammenfielen. Maler wie Walter Bondy oder Schriftstellerinnen wie Annette Kolb prรคgten die Atmosphรคre zusรคtzlich.

    Besonders zwei Orte wurden zu Symbolen dieses Exils: Nizza, mit seiner kosmopolitischen Lebendigkeit und den Boulevards, auf denen sich Sprachen und Kulturen mischten; und Sanary-sur-Mer, ein kleiner Fischerort, dessen Hafenbecken zur Bรผhne einer Welt im Umbruch wurde. Dort, zwischen einfachen Fischerbooten und den Fassaden weiรŸer Hรคuser, entstand eine dichte Gemeinschaft von Exilanten, die im Schatten der drohenden Diktatur versuchten, ihre Sprache, ihre Kunst und ihre Hoffnung zu bewahren.

    So verband sich an der Cรดte dโ€™Azur die Schรถnheit der Landschaft mit der Dringlichkeit des รœberlebens โ€“ und hinterlieรŸ Spuren, die bis heute sichtbar sind.