Tag: Heinrich Heine

  • Heinrich Heine – Deutschland

    Ein Wintermรคrchen

    Im traurigen Monat November war’s,
    Die Tage wurden trรผber,
    Der Wind riรŸ von den Bรคumen das Laub,
    Da reist ich nach Deutschland hinรผber.

    Und als ich an die Grenze kam,
    Da fรผhlt ich ein stรคrkeres Klopfen
    In meiner Brust, ich glaube sogar
    Die Augen begannen zu tropfen.

    Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
    Da ward mir seltsam zumute;
    Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
    Recht angenehm verblute.

    Ein kleines Harfenmรคdchen sang.
    Sie sang mit wahrem Gefรผhle
    Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
    Gerรผhret von ihrem Spiele.

    Sie sang von Liebe und Liebesgram,
    Aufopfrung und Wiederfinden
    Dort oben, in jener besseren Welt,
    Wo alle Leiden schwinden.

    Sie sang vom irdischen Jammertal,
    Von Freuden, die bald zerronnen,
    Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
    Verklรคrt in ew’gen Wonnen.

    Sie sang das alte Entsagungslied,
    Das Eiapopeia vom Himmel,
    Womit man einlullt, wenn es greint,
    Das Volk, den groรŸen Lรผmmel.

    Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
    Ich kenn auch die Herren Verfasser;
    Ich weiรŸ, sie tranken heimlich Wein
    Und predigten รถffentlich Wasser.

    Ein neues Lied, ein besseres Lied,
    O Freunde, will ich euch dichten!
    Wir wollen hier auf Erden schon
    Das Himmelreich errichten.

    Wir wollen auf Erden glรผcklich sein,
    Und wollen nicht mehr darben;
    Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
    Was fleiรŸige Hรคnde erwarben.

    Es wรคchst hienieden Brot genug
    Fรผr alle Menschenkinder,
    Auch Rosen und Myrten, Schรถnheit und Lust,
    Und Zuckererbsen nicht minder.

    Ja, Zuckererbsen fรผr jedermann,
    Sobald die Schoten platzen!
    Den Himmel รผberlassen wir
    Den Engeln und den Spatzen.

    Und wachsen uns Flรผgel nach dem Tod,
    So wollen wir euch besuchen
    Dort oben, und wir, wir essen mit euch
    Die seligsten Torten und Kuchen.

    Ein neues Lied, ein besseres Lied!
    Es klingt wie Flรถten und Geigen!
    Das Miserere ist vorbei,
    Die Sterbeglocken schweigen.

    Die Jungfer Europa ist verlobt
    Mit dem schรถnen Geniusse
    Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
    Sie schwelgen im ersten Kusse.

    Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
    Die Ehe wird gรผltig nicht minder โ€“
    Es lebe Brรคutigam und Braut,
    Und ihre zukรผnftigen Kinder!

    Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
    Das bessere, das neue!
    In meiner Seele gehen auf
    Die Sterne der hรถchsten Weihe โ€“

    Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
    ZerflieรŸen in Flammenbรคchen โ€“
    Ich fรผhle mich wunderbar erstarkt,
    Ich kรถnnte Eichen zerbrechen!

    Seit ich auf deutsche Erde trat,
    Durchstrรถmen mich Zaubersรคfte โ€“
    Der Riese hat wieder die Mutter berรผhrt,
    Und es wuchsen ihm neu die Krรคfte.

    Wรคhrend die Kleine von Himmelslust
    Getrillert und musizieret,
    Ward von den preuรŸischen Douaniers
    Mein Koffer visitieret.

    Beschnรผffelten alles, kramten herum
    In Hemden, Hosen, Schnupftรผchern;
    Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
    Auch nach verbotenen Bรผchern.

    Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!
    Hier werdet ihr nichts entdecken!
    Die Konterbande, die mit mir reist,
    Die hab ich im Kopfe stecken.

    Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
    Als die von Brรผssel und Mecheln,
    Und pack ich einst meine Spitzen aus,
    Sie werden euch sticheln und hecheln.

    Im Kopfe trage ich Bijouterien,
    Der Zukunft Krondiamanten,
    Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
    Des groรŸen Unbekannten.

    Und viele Bรผcher trag ich im Kopf!
    Ich darf es euch versichern,
    Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
    Von konfiszierlichen Bรผchern.

    Glaubt mir, in Satans Bibliothek
    Kann es nicht schlimmere geben;
    Sie sind gefรคhrlicher noch als die
    Von Hoffmann von Fallersleben! โ€“

    Ein Passagier, der neben mir stand,
    Bemerkte, ich hรคtte
    Jetzt vor mir den preuรŸischen Zollverein,
    Die groรŸe Douanenkette.

    ยปDer Zollvereinยซ โ€“ bemerkte er โ€“
    ยปWird unser Volkstum begrรผnden,
    Er wird das zersplitterte Vaterland
    Zu einem Ganzen verbinden.

    Er gibt die รคuรŸere Einheit uns,
    Die sogenannt materielle;
    Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
    Die wahrhaft ideelle โ€“

    Sie gibt die innere Einheit uns,
    Die Einheit im Denken und Sinnen;
    Ein einiges Deutschland tut uns not,
    Einig nach auรŸen und innen.ยซ

    Zu Aachen, im alten Dome, liegt
    Carolus Magnus begraben.
    (Man muรŸ ihn nicht verwechseln mit Karl
    Mayer, der lebt in Schwaben.)

    Ich mรถchte nicht tot und begraben sein
    Als Kaiser zu Aachen im Dome;
    Weit lieber lebt’ ich als kleinster Poet
    Zu Stukkert am Neckarstrome.

    Zu Aachen langweilen sich auf der StraรŸ’
    Die Hunde, sie flehn untertรคnig:
    ยปGib uns einen FuรŸtritt, o Fremdling, das wird
    Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.ยซ

    Ich bin in diesem langweil’gen Nest
    Ein Stรผndchen herumgeschlendert.
    Sah wieder preuรŸisches Militรคr,
    Hat sich nicht sehr verรคndert.

    Es sind die grauen Mรคntel noch
    Mit dem hohen, roten Kragen โ€“
    (Das Rot bedeutet Franzosenblut,
    Sang Kรถrner in frรผheren Tagen.)

    Noch immer das hรถlzern pedantische Volk,
    Noch immer ein rechter Winkel
    In jeder Bewegung, und im Gesicht
    Der eingefrorene Dรผnkel.

    Sie stelzen noch immer so steif herum,
    So kerzengerade geschniegelt,
    Als hรคtten sie verschluckt den Stock,
    Womit man sie einst geprรผgelt.

    Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
    Sie tragen sie jetzt im Innern;
    Das trauliche Du wird immer noch
    An das alte Er erinnere.

    Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
    Des Zopftums neuere Phase:
    Der Zopf, der ehmals hinten hing,
    Der hรคngt jetzt unter der Nase.

    Nicht รผbel gefiel mir das neue Kostรผm
    Der Reuter, das muรŸ ich loben,
    Besonders die Pickelhaube, den Helm
    Mit der stรคhlernen Spitze nach oben.

    Das ist so rittertรผmlich und mahnt
    An der Vorzeit holde Romantik,
    An die Burgfrau Johanna von Montfaucon,
    An den Freiherrn Fouquรฉ, Uhland, Tieck.

    Das mahnt an das Mittelalter so schรถn,
    An Edelknechte und Knappen,
    Die in dem Herzen getragen die Treu
    Und auf dem Hintern ein Wappen.

    Das mahnt an Kreuzzug und Turnei,
    An Minne und frommes Dienen,
    An die ungedruckte Glaubenszeit,
    Wo noch keine Zeitung erschienen.

    Ja, ja, der Helm gefรคllt mir, er zeugt
    Vom allerhรถchsten Witze!
    Ein kรถniglicher Einfall war’s!
    Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!

    Nur fรผrcht ich, wenn ein Gewitter entsteht,
    Zieht leicht so eine Spitze
    Herab auf euer romantisches Haupt
    Des Himmels modernste Blitze! โ€“ โ€“

    Zu Aachen, auf dem Posthausschild,
    Sah ich den Vogel wieder,
    Der mir so tief verhaรŸt! Voll Gift
    Schaute er auf mich nieder.

    Du hรครŸlicher Vogel, wirst du einst
    Mir in die Hรคnde fallen;
    So rupfe ich dir die Federn aus
    Und hacke dir ab die Krallen.

    Du sollst mir dann, in luft’ger Hรถh’,
    Auf einer Stange sitzen,
    Und ich rufe zum lustigen SchieรŸen herbei
    Die rheinischen Vogelschรผtzen.

    Wer mir den Vogel herunterschieรŸt,
    Mit Zepter und Krone belehn ich
    Den wackern Mann! Wir blasen Tusch
    Und rufen: ยปEs lebe der Kรถnig!ยซ

    Zu Kรถllen kam ich spรคtabends an,
    Da hรถrte ich rauschen den RheinfluรŸ,
    Da fรคchelte mich schon deutsche Luft,
    Da fรผhlt ich ihren EinfluรŸ –

    Auf meinen Appetit. Ich aรŸ
    Dort Eierkuchen mit Schinken,
    Und da er sehr gesalzen war,
    MuรŸt ich auch Rheinwein trinken.

    Der Rheinwein glรคnzt noch immer wie Gold
    Im grรผnen Rรถmerglase,
    Und trinkst du etwelche Schoppen zuviel,
    So steigt er dir in die Nase.

    In die Nase steigt ein Prickeln so sรผรŸ,
    Man kann sich vor Wonne nicht lassen!
    Es trieb mich hinaus in die dรคmmernde Nacht,
    In die widerhallenden Gassen.

    Die steinernen Hรคuser schauten mich an,
    Als wollten sie mir berichten
    Legenden aus altverschollener Zeit,
    Der heil’gen Stadt Kรถllen Geschichten.

    Ja, hier hat einst die Klerisei
    Ihr frommes Wesen getrieben,
    Hier haben die Dunkelmรคnner geherrscht,
    Die Ulrich von Hutten beschrieben.

    Der Cancan des Mittelalters ward hier
    Getanzt von Nonnen und Mรถnchen;
    Hier schrieb Hochstraaten, der Menzel von Kรถln,
    Die gift’gen Denunziatiรถnchen.

    Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
    Bรผcher und Menschen verschlungen;
    Die Glocken wurden gelรคutet dabei
    Und Kyrie eleison gesungen.

    Dummheit und Bosheit buhlten hier
    Gleich Hunden auf freier Gasse;
    Die Enkelbrut erkennt man noch heut
    An ihrem Glaubenshasse. โ€“

    Doch siehe! dort im Mondenschein
    Den kolossalen Gesellen!
    Er ragt verteufelt schwarz empor,
    Das ist der Dom von Kรถllen.

    Er sollte des Geistes Bastille sein,
    Und die listigen Rรถmlinge dachten:
    In diesem Riesenkerker wird
    Die deutsche Vernunft verschmachten!

    Da kam der Luther, und er hat
    Sein groรŸes ยปHalt!ยซ gesprochen โ€“
    Seit jenem Tage blieb der Bau
    Des Domes unterbrochen.

    Er ward nicht vollendet โ€“ und das ist gut.
    Denn eben die Nichtvollendung
    Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft
    Und protestantischer Sendung.

    Ihr armen Schelme vom Domverein,
    Ihr wollt mit schwachen Hรคnden
    Fortsetzen das unterbrochene Werk,
    Und die alte Zwingburg vollenden!

    O tรถrichter Wahn! Vergebens wird
    Geschรผttelt der Klingelbeutel,
    Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;
    Ist alles fruchtlos und eitel.

    Vergebens wird der groรŸe Franz Liszt
    Zum Besten des Doms musizieren,
    Und ein talentvoller Kรถnig wird
    Vergebens deklamieren!

    Er wird nicht vollendet, der Kรถlner Dom,
    Obgleich die Narren in Schwaben
    Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
    Voll Steine gesendet haben.

    Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
    Der Raben und der Eulen,
    Die, altertรผmlich gesinnt, so gern
    In hohen Kirchtรผrmen weilen.

    Ja, kommen wird die Zeit sogar,
    Wo man, statt ihn zu vollenden,
    Die inneren Rรคume zu einem Stall
    Fรผr Pferde wird verwenden.

    ยปUnd wird der Dom ein Pferdestall,
    Was sollen wir dann beginnen
    Mit den Heil’gen Drei Kรถn’gen, die da ruhn
    Im Tabernakel da drinnen?ยซ

    So hรถre ich fragen. Doch brauchen wir uns
    In unserer Zeit zu genieren?
    Die Heil’gen Drei Kรถn’ge aus Morgenland,
    Sie kรถnnen woanders logieren.

    Folgt meinem Rat und steckt sie hinein
    In jene drei Kรถrbe von Eisen,
    Die hoch zu Mรผnster hรคngen am Turm,
    Der Sankt Lamberti geheiรŸen.

    Der Schneiderkรถnig saรŸ darin
    Mit seinen beiden Rรคten,
    Wir aber benutzen die Kรถrbe jetzt
    Fรผr andre Majestรคten.

    Zur Rechten soll Herr Balthasar,
    Zur Linken Herr Melchior schweben,
    In der Mitte Herr Gaspar โ€“ Gott weiรŸ, wie einst
    Die drei gehaust im Leben!

    Die Heil’ge Allianz des Morgenlands,
    Die jetzt kanonisieret,
    Sie hat vielleicht nicht immer schรถn
    Und fromm sich aufgefรผhret.

    Der Balthasar und der Melchior,
    Das waren vielleicht zwei Gรคuche,
    Die in der Not eine Konstitution
    Versprochen ihrem Reiche,

    Und spรคter nicht Wort gehalten โ€“ Es hat
    Herr Gaspar, der Kรถnig der Mohren,
    Vielleicht mit schwarzem Undank sogar
    Belohnt sein Volk, die Toren!

    Und als ich an die Rheinbrรผck’ kam,
    Wohl an die Hafenschanze,
    Da sah ich flieรŸen den Vater Rhein
    Im stillen Mondenglanze.

    ยปSei mir gegrรผรŸt, mein Vater Rhein,
    Wie ist es dir ergangen?
    Ich habe oft an dich gedacht
    Mit Sehnsucht und Verlangen.ยซ

    So sprach ich, da hรถrt ich im Wasser tief
    Gar seltsam grรคmliche Tรถne,
    Wie Hรผsteln eines alten Manns,
    Ein Brรผmmeln und weiches Gestรถhne:

    ยปWillkommen, mein Junge, das ist mir lieb,
    DaรŸ du mich nicht vergessen;
    Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht,
    Mir ging es schlecht unterdessen.

    Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
    Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
    Doch schwerer liegen im Magen mir
    Die Verse von Niklas Becker.

    Er hat mich besungen, als ob ich noch
    Die reinste Jungfer wรคre,
    Die sich von niemand rauben lรครŸt
    Das Krรคnzlein ihrer Ehre.

    Wenn ich es hรถre, das dumme Lied,
    Dann mรถcht ich mir zerraufen
    Den weiรŸen Bart, ich mรถchte fรผrwahr
    Mich in mir selbst ersaufen!

    DaรŸ ich keine reine Jungfer bin,
    Die Franzosen wissen es besser,
    Sie haben mit meinem Wasser so oft
    Vermischt ihr Siegergewรคsser.

    Das dumme Lied und der dumme Kerl!
    Er hat mich schmรคhlich blamieret,
    GewissermaรŸen hat er mich auch
    Politisch kompromittieret.

    Denn kehren jetzt die Franzosen zurรผck,
    So muรŸ ich vor ihnen errรถten,
    Ich, der um ihre Rรผckkehr so oft
    Mit Trรคnen zum Himmel gebeten.

    Ich habe sie immer so liebgehabt,
    Die lieben kleinen Franzรถschen โ€“
    Singen und springen sie noch wie sonst?
    Tragen noch weiรŸe Hรถschen?

    Ich mรถchte sie gerne wiedersehn,
    Doch fรผrcht ich die Persiflage,
    Von wegen des verwรผnschten Lieds,
    Von wegen der Blamage.

    Der Alfred de Musset, der Gassenbub’,
    Der kommt an ihrer Spitze
    Vielleicht als Tambour, und trommelt mir vor
    All seine schlechten Witze.ยซ

    So klagte der arme Vater Rhein,
    Konnt sich nicht zufriedengeben.
    Ich sprach zu ihm manch trรถstendes Wort,
    Um ihm das Herz zu heben:

    ยปO fรผrchte nicht, mein Vater Rhein,
    Den spรถttelnden Scherz der Franzosen;
    Sie sind die alten Franzosen nicht mehr,
    Auch tragen sie andere Hosen.

    Die Hosen sind rot und nicht mehr weiรŸ,
    Sie haben auch andere Knรถpfe,
    Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr,
    Sie senken nachdenklich die Kรถpfe.

    Sie philosophieren und sprechen jetzt
    Von Kant, von Fichte und Hegel,
    Sie rauchen Tabak, sie trinken Bier,
    Und manche schieben auch Kegel.

    Sie werden Philister ganz wie wir,
    Und treiben es endlich noch รคrger;
    Sie sind keine Voltairianer mehr,
    Sie werden Hengstenberger.

    Der Alfred de Musset, das ist wahr,
    Ist noch ein Gassenjunge;
    Doch fรผrchte nichts, wir fesseln ihm
    Die schรคndliche Spรถtterzunge.

    Und trommelt er dir einen schlechten Witz,
    So pfeifen wir ihm einen schlimmern,
    Wir pfeifen ihm vor, was ihm passiert
    Bei schรถnen Frauenzimmern.

    Gib dich zufrieden, Vater Rhein,
    Denk nicht an schlechte Lieder,
    Ein besseres Lied vernimmst du bald โ€“
    Leb wohl, wir sehen uns wieder.ยซ


    Vorwort

    Das nachstehende Gedicht schrieb ich im diesjรคhrigen Monat Januar zu Paris, und die freie Luft des Ortes wehete in manche Strophe weit schรคrfer hinein, als mir eigentlich lieb war. Ich unterlieรŸ nicht, schon gleich zu mildern und auszuscheiden, was mit dem deutschen Klima unvertrรคglich schien. Nichtsdestoweniger, als ich das Manuskript im Monat Mรคrz an meinen Verleger nach Hamburg schickte, wurden mir noch mannigfache Bedenklichkeiten in Erwรคgung gestellt. Ich muรŸte mich dem fatalen Geschรคfte des Umarbeitens nochmals unterziehen, und da mag es wohl geschehen sein, daรŸ die ernsten Tรถne mehr als nรถtig abgedรคmpft oder von den Schellen des Humors gar zu heiter รผberklingelt wurden. Einigen nackten Gedanken habe ich im hastigen Unmut ihre Feigenblรคtter wieder abgerissen, und zimperlich sprรถde Ohren habe ich vielleicht verletzt. Es ist mir leid, aber ich trรถste mich mit dem BewuรŸtsein, daรŸ grรถรŸere Autoren sich รคhnliche Vergehen zuschulden kommen lieรŸen. Des Aristophanes will ich zu solcher Beschรถnigung gar nicht erwรคhnen, denn der war ein blinder Heide, und sein Publikum zu Athen hatte zwar eine klassische Erziehung genossen, wuรŸte aber wenig von Sittlichkeit. Auf Cervantes und Moliรจre kรถnnte ich mich schon viel besser berufen; und ersterer schrieb fรผr den hohen Adel beider Kastilien, letzterer fรผr den groรŸen Kรถnig und den groรŸen Hof von Versailles! Ach, ich vergesse, daรŸ wir in einer sehr bรผrgerlichen Zeit leben, und ich sehe leider voraus, daรŸ viele Tรถchter gebildeter Stรคnde an der Spree, wo nicht gar an der Alster, รผber mein armes Gedicht die mehr oder minder gebogenen Nรคschen rรผmpfen werden! Was ich aber mit noch grรถรŸerem Leidwesen voraussehe, das ist das Zetern jener Pharisรคer der Nationalitรคt, die jetzt mit den Antipathien der Regierungen Hand in Hand gehen, auch die volle Liebe und Hochachtung der Zensur genieรŸen und in der Tagespresse den Ton angeben kรถnnen, wo es gilt, jene Gegner zu befehden, die auch zugleich die Gegner ihrer allerhรถchsten Herrschaften sind. Wir sind im Herzen gewappnet gegen das MiรŸfallen dieser heldenmรผtigen Lakaien in schwarzrotgoldner Livree. Ich hรถre schon ihre Bierstimmen: ยปDu lรคsterst sogar unsere Farben, Verรคchter des Vaterlands, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein abtreten willst!ยซ Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine mรผรŸige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Hรถhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut fรผr sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exile verlebt, und wegen ebendieser Liebe kehre ich wieder zurรผck ins Exil, vielleicht fรผr immer, jedenfalls ohne zu flennen oder eine schiefmรคulige Duldergrimasse zu schneiden. Ich bin der Freund der Franzosen, wie ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernรผnftig und gut sind, und weil ich selber nicht so dumm oder so schlecht bin, als daรŸ ich wรผnschen sollte, daรŸ meine Deutschen und die Franzosen, die beiden auserwรคhlten Vรถlker der Humanitรคt, sich die Hรคlse brรคchen zum Besten von England und RuรŸland und zur Schadenfreude aller Junker und Pfaffen dieses Erdballs. Seid ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde: weil mir der Rhein gehรถrt. Ja, mir gehรถrt er, durch unverรคuรŸerliches Geburtsrecht, ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn, an seinem Ufer stand meine Wiege, und ich sehe gar nicht ein, warum der Rhein irgendeinem andern gehรถren soll als den Landeskindern. ElsaรŸ und Lothringen kann ich freilich dem deutschen Reiche nicht so leicht einverleiben, wie ihr es tut, denn die Leute in jenen Landen hรคngen fest an Frankreich wegen der Rechte, die sie durch die franzรถsische Staatsumwรคlzung gewonnen, wegen jener Gleichheitsgesetze und freien Institutionen, die dem bรผrgerlichen Gemรผte sehr angenehm sind, aber dem Magen der groรŸen Menge dennoch vieles zu wรผnschen รผbriglassen. Indessen, die Elsasser und Lothringer werden sich wieder an Deutschland anschlieรŸen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen begonnen haben, wenn wir diese รผberflรผgeln in der Tat, wie wir es schon getan im Gedanken, wenn wir uns bis zu den letzten Folgerungen desselben emporschwingen, wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihrem letzten Schlupfwinkel, dem Himmel, zerstรถren, wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlรถser Gottes werden, wenn wir das arme, glรผckenterbte Volk und den verhรถhnten Genius und die geschรคndete Schรถnheit wieder in ihre Wรผrde einsetzen, wie unsere groรŸen Meister gesagt und gesungen und wie wir es wollen, wir, die Jรผnger โ€“ ja, nicht bloรŸ ElsaรŸ und Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen, ganz Europa, die ganze Welt โ€“ die ganze Welt wird deutsch werden! Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands trรคume ich oft, wenn ich unter Eichen wandle. Das ist mein Patriotismus.

    Ich werde in einem nรคchsten Buche auf dieses Thema zurรผckkommen, mit letzter Entschlossenheit, mit strenger Rรผcksichtslosigkeit, jedenfalls mit Loyalitรคt. Den entschiedensten Widerspruch werde ich zu achten wissen, wenn er aus einer รœberzeugung hervorgeht. Selbst der rohesten Feindseligkeit will ich alsdann geduldig verzeihen; ich will sogar der Dummheit Rede stehen, wenn sie nur ehrlich gemeint ist. Meine ganze schweigende Verachtung widme ich hingegen dem gesinnungslosen Wichte, der aus leidiger Scheelsucht oder unsauberer Privatgiftigkeit meinen guten Leumund in der รถffentlichen Meinung herabzuwรผrdigen sucht und dabei die Maske des Patriotismus, wo nicht gar die der Religion und der Moral, benutzt. Der anarchische Zustand der deutschen politischen und literarischen Zeitungsblรคtterwelt ward in solcher Beziehung zuweilen mit einem Talente ausgebeutet, das ich schier bewundern muรŸte. Wahrhaftig, Schufterle ist nicht tot, er lebt noch immer und steht seit Jahren an der Spitze einer wohlorganisierten Bande von literarischen Strauchdieben, die in den bรถhmischen Wรคldern unserer Tagespresse ihr Wesen treiben, hinter jedem Busch, hinter jedem Blatt versteckt liegen und dem leisesten Pfiff ihres wรผrdigen Hauptmanns gehorchen.

    Noch ein Wort. Das ยปWintermรคrchenยซ bildet den SchluรŸ der ยปNeuen Gedichteยซ, die in diesem Augenblick bei Hoffmann und Campe erscheinen. Um den Einzeldruck veranstalten zu kรถnnen, muรŸte mein Verleger das Gedicht den รผberwachenden Behรถrden zu besonderer Sorgfalt รผberliefern, und neue Varianten und Ausmerzungen sind das Ergebnis dieser hรถheren Kritik.

    Hamburg, den 17. September 1844

    Heinrich Heine